Das Trinken anderer Leute

Vor ein paar Monaten fuhr ich im ICE von Bayern nach Berlin. In Leipzig stieg ein älterer Typ mit seinem Sohn ein. Er war die Sorte fortgeschrittener Alkoholiker, die man schon von weitem erkennt, an ihrem Körperbau, mit dem seltsamen Missverhältnis zwischen schlanken Beinen und kugelrundem Bierbauch und ihrer rotvioletten großporigen Haut um die Nase; ein Look, den die Profis sich stehen lassen, die so viel trinken, dass schon vor geraumer Zeit aufgehört haben, sich für Essen zu interessieren. Er und der leicht übergewichtige blonde Junge im Teenageralter setzen sich zu mir in den Vierer, der Junge packt seine Videospiele aus und der Vater seinen Reiseproviant, der aus einer Käsestulle und zwei großen Dosen Budweiser besteht, die er zwischen Leipzig und Berlin Spandau kippt. Ich bin gerade dabei, an meinem ersten Blogtext zu arbeiten, zu beschreiben, wie es war, einen trinkenden Vater zu haben. Die Szene an meinem ICE-Tisch wirkt in diesem Moment so inszeniert, dass sich mir die Nackenhaare sträuben.

Weiterlesen „Das Trinken anderer Leute“

Blinde Flecken

Mit der neuen Nüchternheit ist es wie mit der Trennung von einem Mann. In der ersten Zeit, wenn der Schmerz (oder die Erleichterung) dich beherrscht, denkst du an nichts anderes. Es ist dein erster Gedanke, wenn du morgens aufwachst und der letzte, bevor du nachts einschläfst. Es ist in deinem Körper, in deinen Knochen, ein leerer Raum, ein Gravitationsfeld, das in jeden Winkel von dir ausfüllt. Es ist ein Teil von dir, und obwohl dir klar ist, dass es nicht immer so sein wird, kannst du dir die Abwesenheit des Schmerzes nicht vorstellen. Aber die Zeit tut was sie tut, sie schickt unablässig ihre Wellen an den Strand und schleift langsam die Vergangenheit ab, und dann, irgendwann, wird dir eines Nachmittags plötzlich klar: du hast heute noch nicht ein einziges Mal daran gedacht. Und auch wenn es Monate gedauert hat, bist du überrascht und irgendwie schockiert davon, wie schnell es doch vorbei ging, wo es doch gerade noch das wichtigste Thema deines Lebens war.

Weiterlesen „Blinde Flecken“

Rausch

Letzte Woche war mein erstes halbes Jahr ohne Alkohol rum. Ein ganzer Herbst, fast ein ganzer Winter, inklusive Geburtstag, Weihnachten, Silvester und zahlloser, romantischer Kaminfeuer-Momente, die den „Genuss“ von Rotwein implizieren. Ironischerweise war das auch die Woche, in der ich das erste Mal wieder Alkohol kaufte: Der Franzose hatte Geburtstag und ich besorgte eine Flasche Rotwein, die ich übers Wochenende bei mir zuhause für ihn deponierte. Oft bringt das die Leute nahe an den Herzstillstand: Du kannst doch keinen Alkohol zu hause haben! Was ist wenn …?!

Weiterlesen „Rausch“

Wohin gehen deine Füße?

Mein Freund Julian hat mich neulich an meine guten Vorsätze für das Jahr 2017 erinnert. Wir waren zusammen essen gewesen, am ersten Januar 2017, in der Oderquelle, und leicht verkatert bei einem Glas Wein erklärte ich, ich hätte zwei gute Vorsätze für das neue Jahr. Erstens: mehr reisen. Zweitens: keine Vorsätze über Alkohol machen.  Weiterlesen „Wohin gehen deine Füße?“

Auf die Couch

Andy Warhol hat gesagt: »Wenn du etwas im Bett tust, hat es automatisch mehr Glamour.« Ich fand den Spruch immer gut, unter anderem deswegen, weil ich nie eine Couch besessen habe. Es gibt in meiner Wohnung einen Bereich von ca. 6 Quadratmetern, wo ich praktisch nie bin. Das ist schlechtes Raum-Management, wenn man nur 40 Quadratmeter hat. Weil ich keine Couch besitze, mache ich vieles im Bett: arbeiten, Videos anschauen, Mails checken, meine Nägel feilen. Das ist messy. Es ist, als würde man in seiner Badewanne abwechselnd baden, Karpfen hältern und Leder gerben. Ich brauche grundsätzlich ein bisschen mehr Aufgeräumtheit und es ist nunmal so: das Bett ist für 3 wichtige Dinge da: Schlafen. Ficken. Und mit dem Lover reden. Alles andere gehört in Küchen, Büros, und eben aufs Sofa. Ich komme also zu dem Schluss: ich brauche eine Couch.  Weiterlesen „Auf die Couch“

100

10 Dinge, die ich nach 100 Tagen ohne Alkohol gelernt habe

1 — Ich bin ein Kaffee Junkie. In meiner Familie wird traditionell viel Kaffee getrunken. Ich brauchte schon immer viel davon, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Doch nichts schlägt die Mengen, die ich mir jetzt gebe. Bevor ich morgens das Haus verlasse, hatte ich meistens schon drei Tassen. Und wir reden nicht von diesen eleganten, italienischen Fingerhütchen, sondern von pechschwarzen 0,3 Portionen mit ungefiltertem, schlammigen Sud am Boden. Was soll’s, denke ich. Kaffee ist das letzte Erwachsenengetränk, das mir bleibt. Das letzte, was auf eine gute Art bitter ist.

Weiterlesen „100“