Antworten

Am Wochenende war ich mit ein paar Freunden auf einem Openair im Kater. Ich saß mit einem der Jungs auf einem mit Glitzer bestäubten Holztreppchen in der Sonne, trank Club Mate und machte Smalltalk. Irgendwann fragte er, warum ich nicht mehr trinke. Ich habe keine Standart-Antwort auf diese Frage. Ich entscheide immer spontan, je nach Situation, Laune, Tageszeit, je nachdem, wer fragt, wie und warum. Die Frage kam in diesem Fall von Antonio, einem Freund von Freunden, den ich oberflächlich kenne, ein paar Mal im Jahr auf Parties treffe und mit dem ich bei zwei oder drei Gelegenheiten rumgemacht habe, hauptsächlich deswegen, weil er sehr hübsch aussieht.

Warum trinkst du nicht?

Es ist so seltsam, dass man immer mit schlafwandlerischer Sicherheit weiß, was die Frage eigentlich bedeutet. Die Botschaft, die unter der Frage liegt ist meist klar herauszulesen. Manchmal bedeutet sie: Kann ich in deiner Gegenwart trinken, ohne mich schuldig zu fühlen? Wirst du mich verurteilen? Manchmal bedeutet sie: Bist du ein Alkoholiker und somit in einer anderen Kategorie als ich? Manchmal, so wie in diesem Fall, ist sie einfach nur unschuldiges Interesse. Du hast doch früher getrunken, und jetzt nicht mehr, woher der Sinneswandel?

Ich lächle und sage: »Es ist schlecht für den Teint«, er nickt wissend und damit hat es sich. Ich habe sehr, sehr selten erlebt, dass jemand nachbohrt, nachdem ich ihm eine Antwort gegeben hatte. Nachbohren kommt eigentlich nur von Leuten, die feindselig eingestellt sind. Oder schon sehr betrunken.

Alkohol-Abstinenz und Vegetarismus ähneln sich in vielen Hinsichten. Insbesondere darin, dass ein Vegetarier unter Fleischessern und ein Nichttrinker unter Trinkern immer wieder als das personifizierte schlechte Gewissen der Anderen herhalten muss. Wenn es um die Frage des WARUM geht, sind die Gründe in beiden Fällen zwar oberflächlich gesehen sehr vielfältig, lassen sich aber in einige wenige Unterkategorien einordnen. Beim Vegetarismus sind das a) Ethische Gründe, b) Ökologische Gründe, c) Gesundheitliche Gründe. Den meisten Menschen sind die zahlreichen guten Gründe, die gegen den Fleischkonsum sprechen, bestens bekannt, werden aber aus Bequemlichkeitsgründen ignoriert. Beim Alkohol ist die Situation genau die Gleiche. Alle wissen (zumindest grob), was gegen das Trinken spricht und die meisten tun es trotzdem. Daraus entsteht bei einigen eine sogenannte kognitive Dissonanz, die sich unangenehm anfühlt und fortwährend im Hinterkopf herum quengelt, weil sie aufgelöst werden will. Sigmund Freud hätte das so erklärt: Das ÜBER-ICH sagt: »Alkohol ist schädlich« und das ES sagt: »Ich will aber jetzt Wodka Tonic!« Das ICH sitzt zwischen den Stühlen und muss jetzt eine halbwegs plausible Geschichte herbei schaffen, damit beide zufrieden sind. Deswegen wendet sich dein Gesprächspartner jetzt an dich (du Ärmste). Wenn du einen Grund für Abstinenz hast, der für ihn keine Rolle spielt, ist er vielleicht aus dem Schneider (Othering). Wenn du zum Beispiel erzählst, dass du früher jeden Tag 2 Flaschen Wein getrunken hast, sagt das ES triumphierend zum ÜBER-ICH: »Siehste? So viel habe ich noch nie geschafft!« und die kognitive Dissonanz ist für den Moment stillgelegt.

Die Frage hat also wenig bis gar nichts mit der gefragten Person zu tun. Aber sie kann großes Unwohlsein auslösen. Mal ganz abgesehen davon, dass die Normalisierung der Frage bereits ein Zeichen für ein gesellschaftliches Problem ist (die Abstinenz von einer Droge begründen zu müssen). Besonders für diejenigen, deren Nüchternheit noch frisch ist und auf wackligen Beinen steht, kommt Warum trinkst du nicht? einer Form der Folter gleich. Ich habe schon Leute getroffen, die nur deswegen wieder getrunken haben, weil sie nicht wussten, was sie antworten sollen.

Deswegen das wichtigste zuerst: Ich muss gar nichts erklären. Meine Gründe sind allein meine Sache. Es reicht, dass ich mein Handeln vor mir selbst rechtfertige. Der, der die Frage stellt, interessiert sich selten wirklich für mich und meine Gründe.

Nachdem das gesagt ist: Natürlich habe ich in den letzten Monaten ein paar Mal mein Nichttrinken begründet. Meistens bin ich mehr oder weniger ehrlich. Weil ich ein rebellisches, durch und durch gottloses kleines Ding bin, an dem jeder Versuch einer Stigmatisierung abperlt wie an Teflon, habe ich von Anfang an ohne zu zögern meine Alkoholprobleme mit fast jedem geteilt, der es wissen wollte. Das ist ein Stück weit eine Charakterfrage. Ich fühle mich schon immer eher den Subkulturen zugehörig als dem Mainstream. Menschliche Abgründe haben mich noch nie abgeschreckt, weder die von anderen, noch meine eigenen. Vielleicht liegt es daran, dass ich Skorpion bin, oder an meiner Erziehung, wer weiß. Ich schrecke jedenfalls nicht davor zurück, Leute anzupissen oder verurteilt zu werden. Man muss aber nicht gleich radikal werden. Auch ohne ein großes Fass aufzumachen, kann man ehrlich sein. Hier kommt eine Liste der bereits von mir persönlich getesteten Musterantworten zum Ausprobieren auf der nächsten Party.

»If you don’t like what’s being said, change the conversation.« — Don Draper

Die White Lie — Wenn ich keine Zeit habe, mir an dem Fragesteller nichts liegt, ich nicht an weiterer Konversation interessiert bin und ich die beteiligten Personen vermutlich nie wieder sehen werde – mir also alles rotzegal ist – lüge ich einfach munter drauflos: Bin schwanger / auf Antibiotika / krank / allergisch. oder: Muss fahren / morgen früh raus / später arbeiten. Diese Antworten eignen sich allerdings nur dann, wenn du die Leute wirklich nie wieder siehst, denn sonst hast du das nächste Mal das gleiche Problem und musst außerdem erklären, was eigentlich aus deiner Schwangerschaft geworden ist.

Die Gegenfrage — Wenn ich gut gelaunt, ausgeschlafen und in Form bin (also bereit, in den Ring zu steigen), dann stelle ich die Gegenfrage: »Ich war süchtig und du? Warum trinkst du?« Ich mag den Überraschungseffekt, den die Frage hat. Sie dreht den Spieß um. Während gerade noch du der arme bemitleidenswerte Idiot warst, der seine Lebensentscheidungen rechtfertigen soll, ist es nun unverhofft der andere, der sich erklären darf. Ich habe überhaupt in letzter Zeit Gefallen daran gefunden, im Vierjährigen-Stil Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Warum hast du Sex? Warum bist du verheiratet? Warum rasierst du dir die Beine? Alles wirklich sehr gute Fragen.

Die Kaffeeklatsch-Antwort — »Alkohol ist einfach nicht meine Art von Droge.« Diese Antwort bringe ich besonders gerne, wenn ich mich in einem Setting aufhalte, in dem mutmaßlich die Mehrzahl der Leute Alkohol nicht als eine Droge betrachtet bzw. Bier nicht als Alkohol (z.B. auf dem Kaffeeklatsch bei Oma, auf dem Dorffest im Oberhavelland, auf einem CSU-Parteitag).

Die sexy Antwort — In dieser Szene ist der Fragesteller ein heißer Typ, mit dem ich vielleicht was anfangen will. Die sexy Antwort sollte in einer sanften, verführerischen Tonlage gegeben werden: »Ich würde ja gerne, aber (tiefer Blick in seine Augen) wenn ich jetzt was  trinke, dann kann ich für nichts mehr garantieren. Gin Tonics verwandeln mich in ein Tier.«

Die Zwinker-Zwinker Antwort — »Nur ein kleines Bier?! Sowas gibt es für mich nicht. Wenn ich das jetzt trinke, dann werden wir morgen früh alle in fremder Unterwäsche in einer Gefängniszelle in Amsterdam aufwachen und es wird die Nacht unseres Lebens gewesen sein, aber es wird auch schrecklich schmerzhaft und sehr teuer. Du willst nicht, dass ich das trinke, glaub mir.«

Die ewige Antwort — »Ich hab heute einfach keine Lust auf Alkohol.« Diese Antwort ist die reine, klare Wahrheit. Und morgen immer noch.

Der Knockout — Diese Strategie ist für Leute reserviert, die mir zu verstehen geben, dass sie Stress wollen. Die nicht aufhören zu bohren. Die nur fragen, weil sie selber nicht klar kommen und ihre unbewältigten Konflikte mit dem Alkohol auf mich abwälzen wollen. Dann sage ich ohne Gesichtsausdruck: »Ich finde es erschreckend, was das Zeug der Intelligenz antut« oder: »Ich finde es erschreckend, was das Zeug dem Aussehen antut« (Blickkontakt halten). Was auch immer die Nebenwirkung sein mögen, die du als Abstinenzgrund angibst, du teilst deinem Gesprächspartner wenig subtil mit, dass du Trinker für dumm, fett und schwach hältst. Das ist nicht sehr elegant, zugegeben, aber es funktioniert gut als Selbstverteidigung.

Die stressfreie Antwort — »Ich mag den Geschmack nicht.« Beim Abliefern dieser Antwort sollte man leicht gelangweilt klingen, so als ob man dieses Gespräch schon tausend Mal geführt hat. Worüber soll man da auch noch diskutieren? Kein normaler Mensch versucht dir verzweifelt Ziegenkäse unterzujubeln, wenn er weiß, dass dir davon schlecht wird. Gleichzeitig ist die Antwort völlig frei von Wertung, da es nur um den Geschmack geht und über Geschmack kann man bekanntermaßen gar nicht streiten. Der Fragende hat keine Angriffsfläche mehr und du hast deine Ruhe.

Die kleine Antwort — »Ich habe ein kleines Suchtproblem entwickelt.« Die verwende ich tatsächlich ziemlich oft, besonders bei Dates. Irgendwie funktioniert sie für mich. Sie scheint genau den richtigen Punkt zu treffen zwischen Seelenstriptease und Entdramatisierung.

Die kurze Antwort — »Es hat mir einfach nichts mehr gegeben.« Das ist meine Lieblingsantwort. Es ist die Kleine Schwarze unter den Antworten. Sie ist 100% souverän, absolut geeignet für den Arbeitsplatz. Trotz ihrer Kürze steckt in dieser Antwort alles drin, was ich über das Thema zu sagen habe. Die Information, dass meine Abstinenz eine  bewusste, selbstständig getroffene Entscheidung war. Kein Schicksal, das ich widerwillig erdulde. Die Information, dass ich weiß, wovon ich rede, also sowohl mit den Annehmlichkeiten des Trinkens, als auch mit Risiken und Nebenwirkungen ausreichend vertraut bin. Die Information, dass ich nicht über andere urteile, weil jede, genau so wie ich, frei ist zu entscheiden, ob der Alkohol genügend Vorteile bietet, um ihn weiterhin zu konsumieren oder nicht. Und die Information, dass sich das alles auch bei der nächsten Runde nicht geändert haben wird.

Die lange Antwort — Die lange Antwort ist letztendlich nichts anderes als die Wahrheit: »Ich bin Alkoholiker.« oder, falls du – wie ich – deine Probleme mit dem Begriff Alkoholiker hast: »Ich hab’s nicht im unter Kontrolle gehabt und habe deswegen aufgehört und mein Leben hat sich seither um 1000% verbessert.« Die lange Antwort eignet sich für Gelegenheiten, wenn der Fragesteller jemand ist, mit dem du dich gerne unterhältst und der aufrichtig an der Antwort interessiert ist. Was normalerweise dann der Fall ist, wenn es sich um einen Menschen handelt, der auch in seinem eigenen Leben mit Alkohol zu kämpfen hat. Die lange Antwort ist eine Einladung zum Gespräch. Jetzt kann ich mich mit dem Fragesteller erstmal eine Dreiviertelstunde an einen ruhigen Ort zurück ziehen und all seine Folgefragen beantworten (Wie hast du es gemacht? Wie sieht so ein AA Meeting aus? Was machst du, wenn du Lust auf Drinks kriegst? Und, bitte sag mir: Gibt es ein Leben danach?)

Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand es ernst meint, nehme ich mir immer Zeit für die lange Antwort. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir einer Menge Leute eine Menge Ballast abnehmen können, wenn wir nur mal ein bisschen über das Thema reden. Außerdem bin ich, als Mitglied von AA, verpflichtet, zu helfen, wenn jemand Hilfe braucht, denn mir wird ja auch geholfen, wenn ich Hilfe brauche. Darüber reden, ohne Angst, ohne Stigma, ohne Drama, hilft mir. Ich glaube, dass Selbsthilfegruppen schlicht aus diesem einfachen Grund funktionieren, weil sie uns daran erinnern: Wir sind nicht allein. Russell Brand schreibt in seinem (sehr unterhaltsamen) Buch Recovery:

»In diesen Gruppen, die Menschen besuchen, um ihre Nöte zu teilen, ist es so, als ob du Fremde in der U-bahn oder auf der Straße ansprechen könntest und sie würden sich dir zuwenden, dich ansehen und ihr Innerstes offenbaren: ›Ich fühle mich gefangen in meiner Ehe.‹; ›Ich bin nie über einen Missbrauch hinweggekommen‹; ›Ich bin einsam‹. Werden diese stillen und universellen Wahrheiten ausgesprochen, ist meine Welt nicht mehr bevölkert von fremden, grauen Gesichtern. Ich kann nicht anders, als die Menschen, die meinen Schmerz kennen, zu lieben.«

Othering und Stigmatisierung funktionieren nur, solange wir der Illusion anhängen, dass wir uns fundamental voneinander unterscheiden. Aber dass die Obdachlose auf der Straße oder der islamistische Terrorist einer anderen Spezies angehört als du, ist ein Irrglaube. Wir sind nur unterschiedliche Fasern desselben Gewebes. Wir sind alle aus dem gleichen Stoff gemacht, wir werden alle von den gleichen Kräften angetrieben und wir teilen alle die gleichen, grundlegenden, menschlichen Erfahrungen. Niemand kann mich in eine Ecke drängen oder mir ein Stigma anheften, denn ich bin in keiner grundlegenden Weise anders. Jeder kann, unter Umständen, süchtig werden. Ich weiß, dass viele Leute anderer Ansicht sind, aber ich glaube nicht daran, dass ich mit einer unheilbaren Krankheit auf die Welt gekommen bin, und deswegen den Genuss von Ethanol nicht vertrage. Wir setzen uns alle einem Risiko aus, wenn wir eine Droge konsumieren, egal wie alltäglich ihr Konsum auch sein mag.

Ehrlichkeit kann so entwaffnend sein. Ich glaube, dass der simple Akt, die Wahrheit zu sagen, eine enorme Kraft hat. Besonders, wenn es um Dinge geht, die weh tun. Nur, wenn ich die Wahrheit sage (zu mir und anderen) habe ich eine Chance, die Grenzen zwischen mir und der Welt zu überwinden. Ich empfinde das so: Lügen sind Mauern, Wahrheiten sind Brücken. Manchmal schützt eine kleine, weiße Lüge mich oder andere vor Schaden. Aber sie bringt mich niemals irgendwo hin. Wenn ich weiter kommen will, wenn ich bei mir selbst ankommen will, muss ich, immer, irgendwann, über die Brücke.