Hello Goodbye

Ich habe 2017 aufgehört, Alkohol zu trinken. Und dann habe ich ziemlich viel darüber nachgedacht, geschrieben und geredet, wie es ist, aufzuhören, Alkohol zu trinken. Ich habe ein Blog dazu geschrieben, das allein schon fast ein Buch ist. Ich habe alle Facetten meiner Nüchternheit beleuchtet, jeden Stein umgedreht, in alle dunklen Ecken geleuchtet, das Trinken und das Nicht-Trinken und das Nicht-mehr-Trinken analysiert und inspiziert und dekonstruiert, es aus persönlicher, gesellschaftlicher, politischer und philosophischer Sicht betrachtet.

So war es, mit dem Trinken aufzuhören:

Es war jahrelang unendlich schwer, und dann auf einmal sehr einfach.

Es war lange geplant und kam vollkommen unerwartet.

Es war harte Arbeit, und fiel mir schließlich einfach so zu.

Ich war berauschter als je zuvor und so klar wie noch nie.

Ich war emotional taub und vollkommen euphorisch.

Ich habe mich so unsicher gefühlt wie am ersten Tag in einer neuen Schule und gleichzeitig so badass wie eine, der keiner mehr irgendwas erzählen kann.

Ich habe gedacht: das ist das tollste und wichtigste und größte, was ich je gemacht habe und danach kann mich nichts mehr umhauen. Und danach fingen die Überraschungen erst an.

Mit Trinken aufhören war, wie eine lange, wichtige Beziehung zu beenden.

Ich fühlte all den Trennungsschmerz und den Wachstumsschmerz, der mit so einer Transformation einhergeht. Ich musste mich neu erfinden, um die Person zu werden, die ich immer schon war. Ich dachte, ich werde nie wieder so lieben und alles was danach kommt, wird ein bisschen milder und ein bisschen nüchterner und ein bisschen langweiliger sein, nur um herauszufinden, dass ich ja nicht den blassesten Schimmer hatte, was alles noch so geht.

Das alles klingt vielleicht furchtbar melodramatisch und pathetisch für jemanden, der Sucht nicht kennt, aber ich glaube, jeder, der schonmal etwas verlassen musste, das er geliebt hat, weiß, wovon ich rede.

Nachdem ich aufgehört hatte, Alkohol zu trinken, dachte ich: Jetzt kann ich mich zur Ruhe setzen, nichts mehr wird je wieder so schwer oder so wichtig sein. Die große Schlacht ist geschlagen und gewonnen, alles, was jetzt noch folgt, sind Formalitäten.

Und dann wurde mir langsam klar, was ich jetzt weiß, nach 3 Jahren, 8 Monaten und 18 Tagen ohne Drinks: Jetzt geht es erst los. Jetzt kann ich anfangen, das Leben zu entwerfen, das ich leben will und die Arbeit machen, die nötig ist. Die Probleme wurden bei weitem nicht kleiner. Sie wurden größer. Aber sie wurden auch interessanter und anspruchsvoller und besser geeignet für jemanden mit meinen Fähigkeiten.

Und von dem wahren Shit habe ich immer noch keine Ahnung. Ich denke jetzt: Mir ist noch nichts wirklich krasses passiert. Ich habe noch keine Kinder großgezogen und noch keine Ehemänner verloren und ich habe noch nicht einmal meinem eigenen Tod ins Auge geblickt. Ich habe keine Ahnung, wie ich all diese großen Tragödien, die unweigerlich auf mich zukommen, überstehen soll. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass mir das Leben nichts servieren wird, für dass ich nicht bestens gewappnet bin. Ich glaube, ich kann aus allem wiederauferstehen, wie Phönix aus der Asche. Ich glaube, ich habe alles, was nötig ist.

Das Trinken und das Nichttrinken von Alkohol ist als Thema nicht mehr besonders interessant für mich. Es ist (wie Else Buschheuer mal über Männer schrieb) »ausrecherchiert«. Ich interessiere mich nicht mehr sonderlich für Alkohol, weder für seine Anwesenheit noch für seine Abwesenheit. Alkohol ist einfach eine Droge, die ich nicht nehme, weil ich nichts mehr von ihr erwarte und nichts mehr von ihr will.

In den Meetings sitzen Leute, die noch nach zehn oder zwanzig Jahren der Abstinenz nicht mit einer Weinflasche im gleichen Raum sein oder mit trinkenden Menschen an einem Tisch sitzen wollen. Das respektiere ich. Wenn dich mal etwas fast umgebracht hat, dann ist es okay, für immer einen großen Bogen drum zu machen. Aber ich finde die Idee abschreckend, dass der Alkohol nach Jahrzehnten der Nüchternheit immer noch eine solch zentrale Rolle in meinem Leben spielen soll. Ich will ihn hinter mir lassen. Mein »Alkoholismus« taugt nicht mehr als Erklärung für meine Schwächen. Und meine Nüchternheit taugt nicht mehr als Erklärung für meine Überlegenheit.

Das Ziel war immer, dass Alkohol irrelevant wird.

Mein Ziel war immer, dass Alkohol uninteressant, langweilig und somit unsichtbar wird. Das Ziel ist, das Kapitel abzuschließen und mich neuen Themen zuzuwenden. Das halb volle Glas da auf dem Tisch, es interessiert mich nicht mehr. Es hat keine Macht über mich.

Das bedeutet nicht, dass ich irgendwas vergesse. Ich weiß, welche zentrale Rolle die Nüchternheit für mein Leben hat. Die Abstinenz ist das Fundament jeder persönlichen Entwicklung. Ich will die Vergangenheit weder beklagen, noch die Tür hinter ihr zuschlagen, wie es in den Schriften der AA heißt. Eine Sucht zu überwinden lehrt einen enorm viele nützliche Sachen, die man immer wieder, in allen möglichen Lebenslagen und in jeder Krise, gut gebrauchen kann. Denn das Prinzip, mit etwas aufzuhören, was nicht mehr gut ist, was krank ist, sich aus einer Haut herauszuschälen, die einem zu klein geworden ist, ist immer wieder von Bedeutung, solange wir leben.

Das gesagt, kann ich getrost einen Haken hinter das Alkohol-Thema machen, ohne zu vergessen, dass die zugrunde liegenden Prinzipien nie an Relevanz verlieren werden. Michael Bette, ein Kunstprofessor in meiner Designschule, bei dem ich das Glück hatte, den letzten Kurs belegen zu können, bevor er in Rente ging, sagte mal: In einem guten Gespräch geht es immer um Alles. Ich denke sehr oft an diesen Satz und zitiere ihn ständig, weil er fast immer zutrifft, wenn es interessant wird. Auch in jeder guten Beziehung geht es um Alles. In jedem guten Buch geht es um Alles.

In einem guten Gespräch geht es immer um Alles.

Mika hat es mal in einem unserer Gespräche (über die Nüchternheit oder den Feminismus oder so) etwas verkopfter ausgedrückt: Ich interessiere mich weniger für die einzelnen Ereignisse, sondern mehr für die zugrunde liegenden Systeme und Prinzipien.

So ist es jetzt für mich mit dem Thema Alkohol auch. Das System Abhängigkeit handelt von Angst, Isolation, Hoffnungslosigkeit, Pessimismus, Stillstand und Unehrlichkeit. Das System Nüchternheit handelt von Mut, Toleranz, Versöhnung, Liebe und Wahrheit. Alles ziemlich zeitloses Zeug.

Und wir haben ja wirklich allen Grund, anzunehmen, das wir schon bald systemrelevant werden. Als ich 2017 dieses Blog aufmachte und zaghaft begann, nach meinem Clan zu suchen — den es ja schließlich irgendwo geben musste — fühlte ich mich noch ziemlich alleine. Aber dann tauchten sie nach und nach auf, die frisch nüchternen Leute, die sich auf den Weg gemacht und gespürt hatten, dass etwas in der Luft lag, dass sie etwas erlebten, was sowohl persönlich als auch universell war. Vlada gründete me_sober und Nathalie startete ihre Podcast und Suse schrieb ihr Buch und mehr und mehr Frauen redeten und schrieben über ihre Erfahrungen und dann schlug Mika mir vor, einen Podcast zu starten. Der mittlerweile über 30 Folgen und fünfstellige Downloadzahlen hat, was crazy ist und zeigt, dass wir hier über etwas wichtiges reden, dass wir nicht allein sind, dass wir viele sind.

Wir werden weiter darüber reden. Wir müssen weiter darüber reden. Wir müssen so lange darüber reden, bis wir das Thema todlangweilig finden. So lange, bis uns niemand mehr fragt: wieso trinkst du nicht. So lange, bis jede Jenny und jeder Holger weiß, was bei einem AA Meeting passiert. So lange, bis man nüchternen Leuten als Berater für Krisenmanagement dreistellige Stundensätze zahlt. So lange, bis jede, die eine Sucht überwunden hat, dafür gefeiert wird und es in ihren Lebenslauf schreibt und sich was drauf einbildet, wie auf einen fucking Doktortitel.

Ich werde nie aufhören, darüber zu reden, wie toll es ist, nicht mehr zu trinken. Denn ich finde es immer noch verdammt toll. Aber ich will demnächst auch ein bisschen mehr über andere Sachen schreiben, die neu und interessanter für mich sind und über die Dinge berichten, die ich noch nicht so gut kann wie das Trinken sein lassen. Die zugrunde liegenden Systeme und Prinzipien werden die gleichen bleiben. Ich werde — nicht nur, aber immer auch — aus der Perspektive einer nüchternen Person erzählen.

Also ziehe ich um! An einen Ort, der größer ist und offener. Kein persönliches Tagebuch mehr, sondern ein Gemeinschaftsprojekt. Das SodaMagMagazin für Unabhängigkeit, das Mika und ich gegründet haben, erweitert das Spektrum der nüchternen Erfahrungen und handelt nicht mehr nur von der Nüchternheit vom Drink, sondern von allen weiteren Facetten der Unabhängigkeit. Es handelt nicht mehr nur von mir, sondern von uns.

Wir haben gerade erst angefangen.

P.S.:

Seitdem ich 9 war, höre ich immer, wenn ich mich von irgendwas befreie, das magische Gedicht in meinem Kopf, mit dem Sarah in »Labyrinth« den Bann über den Koboldkönig bricht (dass mein erster Celebrity Crush der böse David Bowie in anzüglichen Leggings war, lässt auch tief blicken btw).

Hier ist die finale Szene. Du hast keine Macht über mich, Motherfucker.