Lover

Verlieben läuft bei mir so: Ich betrete den Raum und die Luft wird dünn. Ich sehe ihn sofort, egal, wie viele Leute in diesem Raum sind. Desperado. Schwarze Lederjacke und rastlose Füße und vieldeutige Blicke. Die Zeit verlangsamt sich und die Hintergrundgeräusche verschwinden. Ich höre nur noch das Rauschen meines Blutes in meinem Kopf. Alles andere wird unscharf und angenehm egal. Wir sehen uns eine ausgedehnte Sekunde lang in die Augen und wissen es. Es geht sofort los. Er kommt zu mir rüber. Wir reden. Irgendwas. Von Anfang an ist jedes Wort, das wir zueinander sagen, nur die komplett überflüssige Plastikverpackung, die wir ungeduldig aufreißen, um an die wichtigen Sachen zu kommen. Wir kennen beide das Spiel und wissen genau, was als nächstes passieren wird.

Wir werden uns aneinander reiben, Spannung aufbauen. Er wird ziehen, ich werde dagegen halten. Wir werden in Chiffren sprechen. Kokettieren. Lächeln. Nie das sagen, was wir wirklich meinen. Oder alles ganz genau so sagen, wie wir es wirklich meinen, aber in einem ironischen Tonfall. Er wird warten, bis die Spannung groß genug ist, ist um mir dann, in einem günstigen Moment (nachts am Fluss), sanft seine Klinge ins Herz zu schieben. Spätestens da werde ich merken, wie lange ich schon an ihn verloren bin und wie viel Macht er über mich hat. Dann wird er ein bisschen warten. Und ich werde anfangen, auf ihn zu warten. Und dann kommt der Moment, in dem die Macht sich zu seinen Gunsten verschoben hat, es ist unendlich subtil, für keinen Außenstehenden wahrnehmbar. Es ist ein Riss in meiner Fassade, ein Blick, ein Wort, ein Zittern, irgendwas nicht ironisches, irgendwas ehrliches; der Beweis. Wenn er will, kann er jetzt alles von mir kriegen. Manchmal nimmt er es sich. Manchmal reicht es ihm auch, es nur zu wissen. Er hat gewonnen, so oder so. Ich schwindle und falle und zerspringe auf dem Boden wie ein Glas.

Das Ende ist langweilig und entwürdigend. Mit ihm zusammen zu sein, ist plötzlich sehr schwierig. Niemand weiß genau warum, aber es ist sehr schwierig. Und obwohl ich weiß, dass ich verloren habe, rede ich mir ein, ich könnte das Ergebnis noch ändern. Ich habe vielleicht etwas fehlinterpretiert. Es ist alles so subtil, es wurde ja auch nie irgendwas versprochen, es wurde nie irgendetwas konkretes gesagt. Irgendwo habe ich noch etwas, das ihn dazu bringt, mich zu wollen. Irgendeine Karte habe ich noch nicht gespielt. Es muss etwas geben, was ich übersehen habe, es muss, es muss einfach. Noch irgendwas geben. Was ich tun kann.

Wenn du deine Dreißiger erreicht hast, fangen die Dinge an, sich zu wiederholen. Das ist deine Chance. Du kannst jetzt die gleichen Fehler wieder und wieder und wieder machen und zwischendurch trinken, um dich abzulenken und zu betäuben. Oder du kannst hingucken, Muster erkennen und brechen.

Mit meiner Nüchternheit bekomme ich nicht automatisch emotionale Gesundheit geliefert. Ich fühle mich nicht plötzlich auf wunderbare Weise von netten, beziehungsfähigen Erwachsenen angezogen. Ich verfalle weiterhin bindungsgestörten Playern in schwarzen Lederjacken, die ganz genau mein Typ sind.

Nur kann ich mir jetzt viel besser selbst dabei zusehen. Ich kenne mein Muster genau. Ich kann dir en détail erklären, wie das psychologisch funktioniert. Es ist enervierend banal. Mein Vater war in meiner Kindheit unberechenbar und emotional abwesend und daher ist meine Idee von Liebe zu einem Mann immer die, dass der Mann unberechenbar und emotional abwesend ist. Meine Idee von Liebe beinhaltet immer den Schmerz und den Hunger und die Ungewissheit. Wenn kein Schmerz und kein Hunger und keine Ungewissheit da ist, dann ist das zwar gut — jaja, das sehe ich schon ein — aber es ist eben keine Liebe. Liebe fühlt sich nicht an wie ein warmes Bett am Sonntagmorgen. Liebe fühlt sich an wie ein zum Zerreißen gespanntes Seil über einem Abgrund. So hat mein Herz es vor langer Zeit gelernt.

Aber mit der Klarheit der Gefühle werde ich empfindlicher. Meine Toleranz für faule Kompromisse und schlechte Ausreden sinkt. Ohne es bewusst zu merken, beginne ich, Nein zu sagen. Es macht keinen Spaß, aber es geht nicht anders. Ich halte das nicht mehr aus, nicht mit klarem Kopf. Der Bullshit steht in Konkurrenz mit meiner lückenlosen Integrität, jeder Patzer tut weh. Im November bin ich mit dem letzten fiesen Typen fertig. Ein wunderschöner Desperado mit gesenktem Kopf, gemein wie eine Nadel in meinem Bett. Ich spüre den Sog, der von ihm ausgeht, mein Herz wittert eine Chance, es rast aufgeregt hin und her wie ein Hund in einem kleinen Zwinger. Ich höre, wie er über Frauen redet und weiß: ich muss mich von ihm fern halten. Er hält nachts in seinem Auto meine Hand und sagt: Es gibt niemanden, der dich nicht will. Ich fühle mich superschlau, weil ich nicht mit ihm schlafe. Aber Sex ist nicht nötig, um dieses Spiel zu verlieren. Irgendwann kommt der Moment. Ich verliere kurz die Balance: wir wissen es beide. Er macht seinen letzten Zug. Er sagt: Dein Arsch und deine Titten sind schon gut, aber das reicht mir nicht. Und es ist wie eine Injektion Gift, direkt in die Vene.

Aber jetzt verliere ich keine Zeit mehr. Ich gebe mich widerspruchslos und bedingungslos geschlagen. Ich akzeptiere die Verletzung und die Tatsache, dass er mich verletzen konnte, die Würdelosigkeit darin. Ich versuche nicht, doch noch zu gewinnen, ich verhandle nicht, ich leugne nicht, ich relativiere nicht. Ich versuche nicht, eine Erklärung von ihm zu bekommen oder ihm irgendwas zu erklären. Ich weiß, ich werde hier keine emotionale Befriedigung kriegen. Ich gestatte mir ein Wochenende, um zu weinen und meine Freundinnen vollzulabern. Ich bin schwach und tue mir leid. Ich lasse das Gift durch mich durch wandern, überlasse die Arbeit meinem System. Ich kann dabei zusehen, wie mein Stoffwechsel schnell und effizient damit fertig wird. Ich antworte auf keine einzige seiner Nachrichten mehr, nie wieder, und ich lasse ihn nie wieder in meine Nähe. Und dann ist das Gift abgebaut und ich bin wieder leer. Und ich bin sehr müde. Warum ist es immer noch möglich, dass so ein Pappaufsteller von einem Mann Macht über mich hat? Habe ich denn in all diesen Jahren denn wirklich nichts gelernt?

Während mein Geist ratlos neben meinem Körper steht und dessen Verhalten beobachtet, giert mein Herz immer noch wie eine liebeshungrige Dreizehnjährige nach Fetzen von Aufmerksamkeit. Das Herz lernt langsam. Und immer, wenn ein Desperado auftaucht, will das Herz ihn. Das Herz will es nochmal versuchen, es will endlich gewinnen. Aber ich sage: Nein, mein Herz, wir spielen nicht mehr, es gibt dort nichts zu gewinnen.

Ständig nein sagen macht überhaupt keinen Spaß. Ich verzweifle. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich damit weiter komme. Die Regel ist: wenn einer total mein Typ ist, heißt das: der wird mir weh tun. Das, was ich am eindeutigsten will, ist das, was ich am gründlichsten meiden muss. Das ist next level shit. Denn es bedeutet — ja, genau: ich muss Leute daten, die nicht mein Typ sind. Als wäre das ganze nicht schon furchtbar genug.

Im Frühsommer 2019 habe ich mir ein passables, provisorisches Liebesleben eingerichtet. Ich schlafe einmal in der Woche mit Luca, der mich, sanft aber bestimmt, auf Abstand hält. Von Zeit zu Zeit mache ich mit einem Ex rum, der mich nur deswegen nicht mehr verwunden kann, weil ich seine Sorte Schmerz schon so gut kenne. Ich gestatte mir ein Date im Monat, allein deswegen, weil Leute in meiner urbanen, thirty-something Demografie das eben so machen. Am Ende dieser Dates gibt es meist Küsse, die mich beunruhigend wenig tangieren. Ich erwarte schon lange nichts mehr davon. Ich betrachte Dates bestenfalls als eine interessante Sozialstudie. Ich gewöhne mich schrittweise an den Gedanken, dass ich eben nicht so der Beziehungstyp bin. Ich bin zwar noch nicht völlig zynisch, aber ich habe eine harte Kruste, wie Créme Brulée.

Eines Tages sagt Luca einen der Sätze aus meinem Beziehungsmuster-Bullshit-Bingo: »Pass auf, dass du dich nicht in mich verliebst.« Ach nein, wie schade. Den muss ich jetzt also auch verlassen. Den mochte ich wirklich. Der ist nicht mal ein Schwein. Aber trotzdem: nicht gut genug. Wieder Nein. Ich sage: »Lass uns Freunde bleiben.« Und so bin ich dann also ganz allein. Find ich nicht fantastisch, aber ich kann damit leben. Ich habe ein Bumble Profil mit einem einzigen Foto. Ich habe weiterhin nur ein Date im Monat. Und konzentriere mich ansonsten auf die Arbeit.

Und dann. An einem warmen Frühsommertag, kurz nachdem Mister Mai sich spektakulär disqualifiziert hatte, als er beim ersten Date ohne mit der Wimper zu zucken »Neger« sagte, treffe ich Mister Juni. Ich habe ihn relativ wahllos ausgesucht, weil ich in irgendeiner Laune irgendeinen seiner Sätze in seinem Profil gut fand.

Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, ich erwarte nichts. Ich trage nicht mal Makeup. Er erfüllt die erste grundlegende Bedingung: er ist nicht so mein Typ. Und außerdem hat er Charme und kann offenbar ganz gut denken. Ich muss ihm gar nichts erklären, er versteht alles, sogar meine abseitigen Alf-Zitate. Wir essen in einem Hipster Restaurant in Kreuzberg die unvermeidlichen Asian Fusion Gerichte, reden über Selbstmord und lachen dabei sehr viel, was kontra-intuitiv klingt, sich aber sehr normal anfühlt. Danach bin ich erfrischt, wie nach einer Dusche. Die Drei-Tage-Regel ist ihm offenbar unbekannt; er schreibt mir sofort, nachdem wir uns verabschiedet haben. Beim zweiten Date lachen wir noch ein bisschen mehr und beim dritten Date legen wir uns nach dem Essen auf eine Wiese und knutschen. Es ist kein routiniertes drittes-Date-Küssen, bei dem man zwischendurch noch an was anderes denken kann. Es ist auch kein Küssen, das deswegen gut ist, weil ich lange keinen Sex mehr hatte. Es ist ersthaftes Küssen. Die Art Küssen, die dein bürgerliches Leben ruinieren könnte.

Dann geht alles sehr schnell. Es gibt keine Dating-Phase. Wir verschwenden keine Sekunde damit, uns zweimal die Woche für Essen oder Kino zu verabreden oder was auch immer man normalerweise so macht, um sich kennen zu lernen. Wir fallen stattdessen in jeder Hinsicht übereinander her. Wir treffen uns in der Mittagspause für 25 Minuten zum Knutschen. Es werden Flüge umgebucht, damit wir uns für 4 Stunden sehen können. Wir führen nächtliche todmüde Telefonate, die wir mit »leg du zuerst auf« beenden wie Teenager.  Wir verbringen ganze Tage mit Reden im Bett. Die Zeit läuft nicht mehr linear, Stunden fühlen sich an wie Minuten, Tage wie Wochen. Wir machen einander kitschige playlists. Wir produzieren kilometerlange Chatverläufe. Keiner von uns arbeitet mehr ernsthaft, Meetings werden verlegt oder nur widerstrebend absolviert. Wir halten uns nachts gegenseitig wach, obwohl wir todmüde sind, damit wir mehr Zeit miteinander verbringen können. Wir reden mit jedem, den wir kennen, nur noch übereinander, weil nichts anderes mehr interessant ist. Wir knutschen in der Ubahn, auf der Straße und in Restaurants, ich schlafe in seinem verschwitzen Tshirt, ich muss mehrmals am Tag meine Unterwäsche wechseln, wir fahren übers Wochenende aufs Land, nur um zwei Tage das Haus nicht zu verlassen, wir versprechen einander alles, große Worte fallen beängstigend früh und wir wissen beide schon nach kürzester Zeit, dass die Sache komplett aus dem Ruder gelaufen ist. Was uns egal ist. Wir sind high.

In den ersten zehn Tagen denke ich noch: Wow, so heftig hat es mich seit Jahren nicht mehr erwischt. Aber nach zwanzig Tagen weiß ich schon nicht mehr, womit ich das hier überhaupt noch vergleichen soll. Dieser Rausch hat trotz seiner Heftigkeit nichts dramatisches an sich, nichts abgründiges, nichts gefährliches. Ich fühle mich von Anfang an vollkommen klar. Ich schütze mich nicht, ich taktiere nicht, ich zweifle nicht. Er macht von Anfang an unmissverständlich klar, dass er mich haben will. Er sagt all die Dinge, die man in den ersten Wochen auf gar keinen Fall sagen sollte vollkommen ironiefrei und ich finde es super. Ich habe schon noch rationale Gedanken, mein Hirn sagt schon noch Sachen wie: Jetzt warte erstmal ab, du bist gerade nicht du selbst, interpretier da nicht so viel rein, du kennst diesen Typ seit weniger als einem Monat, das alles ist total crazy, es ist maßlos. Aber das Gefühl ist völlig unbeeindruckt von all diesen blassen Ratio­nalisierungsversuchen. Es lacht nur und sagt: Kann ja sein, Herzchen, dass du hier noch ein, zwei Fragen hast, meinetwegen, wenn du unbedingt musst, das können wir dann alles auf dem Weg klären. Aber steig jetzt erstmal ein, wir fahren schon mal los. Wir müssen nicht wirklich darüber diskutieren, denn es ist sowieso gelaufen, hier kommst du nicht mehr raus, nicht als die gleiche Person. Du weißt es. Ich weiß es. Und der einzige Grund, warum wir überhaupt noch darüber reden ist, dass du nicht glauben kannst, dass es so einfach ist. Aber es ist so einfach. Das hier, das ist genau das, was jetzt passieren wird. Und es wird groß.

Und eines Morgens, am Ende dieses endlosen Sommers, als der Rausch milder zu werden beginnt und die Luft kühler wird und die Zeit wieder in normalem Tempo vergeht, liege ich neben ihm im Bett und gucke ihm beim Schlafen zu und versuche, mich daran zu erinnern, wie es war, als ich ihn das erste Mal gesehen habe und wie um alles in der Welt ich denken konnte, er sei nicht mein Typ. Denn es ist wirklich absolut unmöglich, dass irgendwer, jemals, mehr mein Typ sein könnte.

Ich habe immer daran geglaubt, dass ich mein Muster mit den unerreichbaren Männern überwinden würde. Ich wusste: das funktioniert wie jede Sucht und jedes Zwangsverhalten. Mit dem Trinken habe ich es schon gemacht, ich kann es wieder machen. Ich kenne den Weg. Lesen, denken, schreiben, mich beobachten, dem Impuls widerstehen, Nein sagen, immer wieder. Das Herz wird es schon irgendwann begreifen, dachte ich.

Und dann, dachte ich, werde ich zufrieden sein. Ich werde mir die Flausen aus dem Kopf schlagen. Ich werde diese dramatischen, überdrehten, postpubertären Gefühle nicht mehr brauchen. Da werde ich rauswachsen. Ich werde eines Tages einen guten, ehrlichen und vernünftigen Typen treffen und eine moderate Zuneigung entwickeln, die in angemessenem Tempo wächst, anstatt krachend in mein Leben zu detonieren. Es wird nicht aufregend sein, aber es wird sehr viel Sinn machen. So stellte ich mir eine gesunde, erwachsene Beziehung vor. Ruhig, angenehm und sterbenslangweilig.

Surprise, luv. Es ist alles ganz anders. Ein Rausch ist das, reiner und klarer als alles, was ich kenne. Ich bin irre weit oben, aber ich habe keine Angst. Jeder Nerv ist elektrisch, nichts tut weh. Ich vergesse, wie ich aussehe, ich vergesse, Makeup zu tragen, ich vergesse, mir Sorgen zu machen. Mein Instinkt sagt, ich kann ihm vertrauen, meine Nase sagt, der gehört ganz nah zu dir, so nah wie möglich. Es gibt kein Ziehen und Drücken. Es gibt keine Hindernisse zu überwinden. Es gibt keine künstlichen Dramen, keine anderen Frauen, keine Badboys als Backup. Es gibt keinen verbotenen Sex, keine schmerzhaft langen Zeitspannen zwischen zwei Nachrichten, die sich fast wie Leidenschaft anfühlen. Es gibt keine Regeln, kein strategisches Abwarten. Keine dunklen Ecken. Keine Bedingungen. Keine Bedrohung, die den Wert beweist. Keine Unsicherheiten, keine Angst.

Und ich will ihn immer weiter, auch wenn ich ihn längst habe. Ich will ihn nicht, weil er irgendwas an mir in eine andere Perspektive rückt oder als Ego-Futter, oder weil ich gewinnen muss oder weil ich mich von mir selbst ablenken will oder weil ich jemanden brauche, der mir meinen Wert rückversichert. Ich will ihn einfach, weil er ist, wie er ist. Ich guck ihn mir an und finde es faszinierend, wie er ist, die winzigsten Sachen. Wie er unten im Hausflur auf den Fahrstuhlknopf drückt und ohne Stehen zu bleiben dann doch die Treppen nimmt, zwei auf einmal. Wie beiläufig er es hinkriegt, mich ruhig zu machen, wenn ich gerade Panik kriege. Wie er bestimmte Worte ausspricht, so dass sie wie ein Echo aus meiner Kindheit sind. Wie jung er aussieht, wenn er schläft. Wie er im Restaurant immer doppelt soviel bestellt und doppelt so schnell fertig ist wie alle anderen.

Meine Exfreunde kommen mir vor, wie Leute, die nur dazu erfunden wurden, Stoff für haarsträubende Anekdoten zu liefern. Ich treffe im Herbst einen von ihnen bei einer Vernissage und er ist so betrunken, dass ich mich für ihn schäme. Ihn zu sehen ist wie die Nachricht zu bekommen, dass das Flugzeug, das du nur knapp verpasst hast, gerade abgestürzt ist. Lover kommt mich abholen und ich schmeiße mich in seine Arme als wäre er ein Superheld, der mich aus einem brennenden Haus trägt.

Anfangs, als wir bloß selig lächelnd durch die Gegend rennen, finden unsere Freunde die Show noch niedlich. Als wir uns tätowieren lassen, beginnen sie langsam, sich Sorgen zu machen. Jaja, ich weiß. Keine wichtigen Entscheidungen in den ersten drei Monaten. Wir können nicht klar denken, wir sind bis oben hin voller Hormone. Ich weiß, der Rausch wird vorbei gehen. Ich weiß, wir können nicht ewig in diesem Tempo rennen, ohne zu stolpern. Ich weiß, wir sind crazy. Aber ich weiß auch: Bereuen werde ich das hier nie.

Denn mein Instinkt irrt sich nicht. Genauso, wie ich untrüglich die Desperados erkenne, von denen ich mich fern halten muss, so erkenne ich auch ihn, wie eine Erinnerung an die Zukunft: Ah, schau an, da ist er ja endlich. Es ist nicht wichtig, dass ich hier ewige Glückseligkeit bekomme. Es ist nicht relevant, ob es ein Happy End gibt oder ob es für immer hält, ob es auch nur für ein Jahr hält. Das allein ist wichtig: Ich verstehe, wonach ich gerade die Hand ausstrecke. Und ich weiß, selbst wenn dieser Typ das am Ende nicht ist: Ich bin fertig mit den Desperados. Ich werde nie wieder zurück gehen in dieses alte Drama. Ich werde nie wieder unreife, kleine, gemeine Jungs in Lederjacken anhimmeln. Ich werde nie wieder tolerieren, dass mich jemand lieblos behandelt. Ich werde mir nie wieder vormachen können, dass mich das ernährt, diese falsche, leere Leidenschaft. Das hier ist ein neues Spiel. Und schon jetzt ist es eine große Geschichte. Denn es erfüllt die eine, die einzige Bedingung aller großen Geschichten: Ich werde nie wieder dieselbe sein.

 

 

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