Das erste Mal

Ich habe mal auf dem Weg nach hause in der U8 mit einem Typen geknutscht, den ich süß fand, nur, weil er da rum stand und ich mir die ereignislose Ubahnfahrt versüßen wollte. Ich machte die drei Schritte zu ihm rüber zwischen Rosenthaler Platz und Bernauer Straße, zog ihn an der Schulter zu mir runter und küsste ihn, ohne Intro, ohne auch nur die Kopfhörer aus den Ohren zu nehmen. So war ich drauf. Ich war irre. Und selten sagte jemand nein zu meinen irren Aktionen.

Jetzt ist mein Kopf immer an, und ich weiß nicht, wie ich ihn aus bekomme, ich habe keine Ahnung, wie lange es dauern wird, bis ich wieder diese Mühelosigkeit beherrschen werde, ob und wann ich je wieder die Fähigkeit erlangen werde, loszulassen und einfach zu tanzen. Sarah Hepola schreibt: »Als ich aufhörte zu trinken, fürchtete ich, ich würde nie wieder Sex haben.« Da sind wir schon zwei. Wie zur Hölle soll man denn auch bitte mit einem nahezu fremden Menschen körperliche Intimität zulassen, ohne pausenlos darüber nachzudenken, was die schrecklichen Konsequenzen sein könnten?

Klar kenne ich nüchternen Sex. Nüchternen ersten Sex mit jemand Neuem. Anfang des 21. Jahrhunderts hatte ich tatsächlich ein paar Mal ersten Sex ohne vorher ein paar Drinks gehabt zu haben. Ich lese meine alten Tagebücher, in denen mein Teenager-Selbst beschreibt, wie es geht. Vielleicht weiß sie ja Sachen, die ich in den letzten 18 Jahren vergessen habe. In der Geschichte meines ersten Mals kommt jedenfalls nur ein einziges Bier vor, und das ist nicht für mich.

Das erste Mal

August 2000. Ich bin 15 und habe Sommerferien. Ich bin ein etwas seltsam aussehendes Mädchen mit kurzen, in alle Richtungen abstehenden Haaren, das sich nicht entscheiden kann, ob sie sich wie ein Hippie oder wie ein Grufti kleiden soll. Die Frühlingssonne hat den letzen Babyspeck aus meinem Gesicht geschmolzen und jetzt ist irgendwas anders. Ich habe plötzlich Wangenknochen. Die einzigen Themen, die mich aktuell interessieren, sind meine Freundinnen, Marilyn Manson, Marihuana und Sex. Gestern habe ich im K17 den Typ kennen gelernt, der sich um Punkt vier auf der Liste kümmern soll. Der Auserwählte ist ein zutätowierter Punk mit einer hinreißenden Madonna-Zahnlücke und einem Iro in ultramarinblau. Er ist doppelt so alt wie ich. Ich kenne ihn seit knapp drei Stunden und aus irgendeinem Grund weiß ich ohne den Schatten eines Zweifels: das ist er. Ich habe noch nicht gelernt, zu lügen und als ich ihm sage, dass ich 15 bin und noch dazu ne Jungfrau, weigerte er sich resolut, mich weiter auszuziehen, weil er fürchtet, dass ihn das vielleicht ins Gefängnis bringen könnte. Aber ich lasse mir jetzt nicht durch irgendwelche juristischen Belanglosigkeiten mein erstes Mal versauen. Der Verlust meiner Unschuld ist zu diesem Zeitpunkt das einzige, was mir im Leben wichtig ist. Und so kurz vorm Ziel gebe ich mich nicht geschlagen.

Er sitzt hilflos auf dem Bett und jammert: er hatte noch nie was mit jemandem, der so viel jünger war als er und dass er die Verantwortung nicht will. Ich sage: »Nun sei mal nicht so ein Mädchen« und durchkämme seinen Kühlschrank nach Alkohol. Und wie man es bei einem ernstzunehmenden Punk auch erwarten sollte, finde ich tatsächlich eine Flasche Sternburg, öffnete sie, und halte sie ihm hin. Ich sage sowas wie: »Jetzt entspann dich mal bitte« und spekuliere darauf, dass das Bier seine Hemmungen, mich endlich in die Welt der Erwachsenen mitzunehmen, zerstreuen wird. Ich trinke Pfefferminztee.

Ich erinnere mich an so viele Details dieser Nacht. Ich erinnere mich, wie das Zimmer aussieht. An das Bett, das eigentlich bloß eine Matratze auf dem Linoleum ist. An den großen, schwarzen, leicht stinkenden Brandfleck an der Wand, nach dessen Geschichte ich nicht frage. Daran, dass er für einen Punk überraschend sanft ist und immer wieder fragt, ob alles okay ist. Ich erinnere mich an den Fernseher, in dem ohne Ton Aufnahmen von nächtlichen Sternenhimmeln wabern. Ich erinnere mich an das Lied, dass in Endlosschleife läuft (»Underwater Love« von Smoke City, weil, wie er entschuldigend erklärt: »ich hab sonst nur Hardcore«). Ich erinnere mich an den Geschmack von Minztee und an den überraschend sauber gestochenen Adler auf seiner unbehaarten Brust und daran, wie sich Sex anfühlt, nämlich erstens: ganz genau so, wie ich es mir vorgestellt habe, und zweitens: vollkommen anders.

Später in der Nacht, als der Typ fest schläft, stehe ich auf und schleiche ins Badezimmer, um mich selbst im Spiegel anzustarren. Ich muss doch bestimmt irgendwie anders aussehen. Älter. Weiser. Ich bin begeistert von mir selbst. Ich bin nicht in den Punk verliebt und auch nicht interessiert daran. Verliebt bin ich erst in den zweiten.

Das erste Mal mit Gefühl

August 2001. Ich kenne Yasha seit wenigen Tagen. Ich hatte drei aufeinander folgende Dark Fridays im Kato gebraucht, um den Mut aufzubringen, ihm meine Telefonnummer zu geben. Unser erstes »Date« hatte aus einem Spaziergang nach dem Club bestanden. Wir hatten todmüde und aufgekratzt vor Nervosität, bei Bagdad am Schlesischen Tor in der goldenen Morgensonne arabisches Gebäck gegessen und anschließend abwechselnd Schmiere gestanden, während der andere in einen Busch pinkelte. In der darauf folgenden Woche hatten wir lange, von tiefen, komplizierten Teenager-Gefühlen durchdrungene Briefe ausgetauscht, in denen wir uns gegenseitig unsere Seelen offenbart hatten und jetzt liegen wir zusammen in dem von der Nachmittagssonne vergoldeten Bett in meinem Zimmer, essen Pfirsiche und machen rum. Sex passiert einfach. Er ist getränkt von Sonnenlicht, schmeckt nach Pfirsichen und riecht nach Babypuder und Patchouli. Es ist einfach nur eine der vielen Formen, die unsere Beziehung annimmt. Mal ist unser Dialog der Brief, mal das Tanzen, mal der Sex. Wir sind selbstvergessen. Wir kennen nicht den Unterschied zwischen einander. Es gibt nichts dunkles oder rauschhaftes an diesem Sex. Nichts, das weh tut. Nichts, das gefährlich ist.

Ich weiß, dass Yasha bereit ist, für immer zusammen zu bleiben. Ich weiß mit einer nicht zu erklärenden Sicherheit, dass er mir sicher ist. Und ich habe die vage Ahnung, dass ich ihn verlassen werde. Eines Morgens bin ich mit seiner Mutter alleine. Ich sitze mit angezogenen Knien unter meinem Schlaf-Shirt neben ihr auf der durchgenudelten braunen Wohnzimmercouch, im Fernsehen plätschert einer der klamaukigen, alten Schwarz-weiß Filme, die sie liebt. Aus dem nichts heraus wendet sie sich mir zu, schaut mich ernst an und sagt: »Weißt du, Yasha liebt dich wirklich.« Ich sage schuldbewusst: »Ich weiß«. Yasha schläft im Nebenzimmer. Ich bin traurig, aber ich weiß, ich bin nicht traurig genug. Ich kann nicht bleiben. Ich muss hier raus. Ich muss, wie es in dem bekannten Bukowski Zitat heißt finden, was ich liebe und mich davon töten lassen. Ich bin achtzehn und ich breche Yasha das Herz, um mich da draußen töten zu lassen.

Der erste echte Sex

Januar 2005. Heiner schreibt mir keine Briefe, bevor wir zusammen kommen. Wir essen auch keine Pfirsiche. Wir essen überhaupt nicht. Wir trinken. Whiskey. Oder Rotwein. Oder Champagner, direkt aus der Flasche, rauchen Zigaretten und Joints und messen unsere Kräfte. Wir begegnen uns das erste Mal im ferrari-rot gestrichenen Flur seines Kinos und entscheiden uns, nicht einfach aneinander vorbei zu gehen, sondern stattdessen zu kollidieren. Er drückt mich gegen die Wand und küsst mich und wir fangen an, zu explodieren und hören nicht mehr damit auf, bis wir drei Jahre später alles in Schutt und Asche gelegt haben.

Nach dem ersten Mal — wir kennen uns seit 90 Minuten und liegen staubig und zerschürft mit ineinander verschränkten Beinen auf einem der roten Kunstleder Sofas im Kinosaal 1 und rauchen — sagt er todernst: »Ich werde dich zu einer Frau machen.« Das hier ist ein Skorpion Mann wie aus dem Bilderbuch und er hat nicht die geringste Scheu vor saftiger Melodramatik. Auf genau so einen wie ihn habe ich gewartet. Ich bin ein staubtrockener Wald, es hat seit 20 Jahren nicht geregnet und er grinst und schnippt seine brennende Kippe lässig ins Laub.

Mein Teeniesex mit Yasha verhält sich zu diesem Sex wie Lindenblütentee zu Heroin. Fünf Jahre nach meinem erstem Mal verstehe ich endlich, was gemeint ist, wenn die Leute von Sex reden. Etwas Rauschhaftes. Etwas gefährliches, etwas, von dem ich süchtig werden könnte, etwas, für das Leute sich ruinieren, Freunde verraten, Ehen zerstören. Die Drinks und die Drogen und die Liebe und die Wut, alles beginnt und endet mit diesem Sex. Das ist mein neuer Maßstab, und es bleibt so, für den Rest meines erwachsenen Lebens. Sex haben heißt: Alle Brücken müssen niederbrennen. Wenn hinterher noch ein einziger Stein auf dem anderen ist, sorry Baby: dann war es kein Sex.

Dunkler Sex

Februar 2008. Ich habe mich gerade von Heiner getrennt und bin auf dem Zenit des Schmerzes. Es ist Mikes Geburtstag und wir stehen auf der Gästeliste für die Bar Tausend, ein golden pulsierendes Unterseeboot voller Yuppies in Anzügen und ihren Prada-Handtäschchen-tragenden Escort-Girls. Ich habe den klaren Vorsatz, mich auszuschalten. Es ist von Anfang an nicht als Spaß gedacht. Ich trage hautenge Jeans und High Heels und trinke Sekt, mein sicherster Weg zum Blackout. Ich rede mit zwei Typen an der Bar, einer trägt völlig ironiefrei ein rosa Poloshirt. In der Bar bin ich zwar schon so betrunken, dass ich nach hause gehöre, aber meine Erinnerung franst erst allmählich aus, wie der unvollständige Rand eines Puzzles. Ich gleite in den Blackout wie man aufs offene Meer treibt, zuerst gibt es noch helle Sandbänke aus Bewusstsein, irgendwann nur noch teerschwarzes Wasser. Ich erinnere mich an einen Straßenimbiss, heiße, gelbe Pommes verbrennen meine Lippen, dann Knutschen im Zapata, dann, undeutlich, daran, dass ich mit einem der Typen in einer ziemlich American-Psycho-mäßigen Wohnung bin (wie sind wir hierher gekommen?) und er mir einen Tumbler mit Whiskey und klirrenden Eiswürfeln reicht, der zweite Typ ist verschwunden, ich bin in einem schmalen Bett in einem Zimmer, das wie ein Hotelzimmer wirkt, ich habe nur noch diese eine, letzte Erinnerung, bevor alles schwarz wird: er sieht mich an, die Hände links und rechts von meinen Schultern aufgestützt, fickt mich, oder meinen Körper aber nicht wirklich mich, ich bin nicht hier, ich bin viel zu betrunken, um mich mit mir selbst zu identifizieren.

Sex als Show

2012. Lena Dunham schenkt der Welt die Serie GIRLS. Ich bin mitten in meiner heißkalten Affaire mit dem Russen, mit dem ich selten irgendwas anderes mache, als ficken, streiten und trinken. GIRLS wird unter anderem deswegen gelobt, weil sie »echten« Sex zeigt. Also: Sex ohne Weichzeichner. Sex mit Fettröllchen, Sex im Tageslicht, Sex, der seltsam, unbeholfen und peinlich ist, schlechten Sex, oder Sex, der offenbar für die Beteiligten spektakulär ist, aber für jeden der zuguckt, grotesk. Ich liebte die Serie, verstand damals aber nicht wirklich den Hype, der um diesen sogenannten echten Sex gemacht wurde. Mein Sex sah nicht so aus. Mein Sex war, auch wenn er schlecht war, immer eine große Geste. Alle meine Geschichten waren große Spektakel. Sex immer  ausgeführt mit Theatralik und unerschütterlichem Selbstvertrauen und halsbrecherischem Mut. Immer waren seine Ecken und Kanten aufgeweicht, seine Banalität nachcoloriert und seine Rohheit weichgezeichnet vom Drink. Das beängstigende am Sex wurde abgefedert von Alkohol.

Wenn mein israelischer Lover, der es scheinbar als eine Charakterschwäche verstand, dass er Frauen für Sex benötigte, während er gleichzeitig keine besonders hohe Meinung von ihnen hatte, mich nach einer ausschweifenden Nacht aus seinem Charlottenburger Loft warf, weil er keine Lust hatte, sein Häschen seinen ernstzunehmenden Freunden zu präsentieren, war mir die darin liegende Demütigung egal. Sie wurde überlagert von der Lover-Experience: teurem Wein, intellektuellen, weitschweifigen Diskussionen über Kunst und den Holocaust und überhaupt der ganzen, theatralischen Erwachsenen-Show selbst, die für mich darin bestand, einen bohemienhaften Künstler einmal in der Woche zum Dinner zu treffen, während der Russe zuhause schmorte und rasend vor Eifersucht Sibylle Berg las. Ich fühlte mich wie eine teure Prostituierte, die mit allem davon kommt und das war in meiner damaligen Weltsicht etwas sehr, sehr attraktives.

Das erste Mal nüchtern

Februar 2018. Nachdem ich sechs Monate abstinent bin, beschließe ich: Es kann nicht so weiter gehen. Es kann ja sein, dass ich dem Alkohol abgeschworen habe, aber wenn er den Sex mitnimmt, dann bin ich nicht sicher, ob ich noch dabei bin. Mein Körper sagt, er möchte gerne auf der Couch liegen und Netflix gucken. Ich ignoriere ihn und mache mir ein Sexdate auf Tinder klar. Der Auserwählte ist ein wunderschöner iranischer Grafikdesigner mit einem Gesicht wie eine griechische Gottheit. Ich beschließe, mit ihm ins Bett zu gehen, bevor ich ihn überhaupt live gesehen habe.

Ich treffe den Iraner in einer Bar in Prenzlauer Berg und er bestätigt alle Vorurteile, die ich über schöne Männer habe: Er ist selbstsicher und sterbenslangweilig. Glatt wie Teflon, freundlich, lässig, routiniert. Sein blendendes Aussehen hat ihm bisher alle Türen im Leben geöffnet, ohne dass er auch nur ein einziges Mal einen interessanten Satz hätte äußern müssen. Seine Konversation ist wie Fahrstuhlmusik. Er redet mit Colgate-Lächeln über die Vorzüge des Lebens in Kopenhagen und darüber, dass er nie von einer Frau verlassen worden ist. Es ist absolut nichts gegen ihn einzuwenden und es  wird absolut keinen Grund geben, ihn wiederzusehen. Perfekt für Testsex. Nach dem einen Anstandsgetränk, zu dem er sich offenbar verpflichtet sieht, küsst er mich versiert und sagt, dass seine Wohnung ganz in der Nähe sei. Wir gehen die zehn Schritte zu ihm. Seine Wohnung ist wie er, aufgeräumt und zeitgenössisch, IKEA-Musterwohnungs-Langeweile, nichts dagegen einzuwenden.

Technisch gesehen ist der Sex eine solide fünf, was fürs erste Mal ganz anständig ist. Nichts dagegen einzuwenden. Aber um den gleichen Erregungszustand zu erreichen, hätte ich stattdessen auch zuhause bleiben und mir die Fußnägel machen können. Es ist mir ein Rätsel, was Männer an dieser Art von Sex interessant finden.

Als ich zwei Stunden später zurück auf der Strasse bin, nehme ich Mat eine Nachricht auf: »Bam. Ich hab’s getan, hab den Iraner durchgezogen. Ich kann es noch, ich bin total der Boss!« Ich denke mir, genau sowas stellen sich die meisten Menschen wahrscheinlich unter »nüchternem« Sex vor. Als Synonyme für nüchtern schlägt der Duden unter anderem vor: emotionslos, kalt, klar, phantasielos, realistisch, rational, sachlich, schal, schlicht, schnörkellos, steril, unpersönlich, unromantisch.

Ich muss es vielleicht einfach einsehen, denke ich später in meiner Küche bei einer Schale YumYum-Suppe. Ich bin eine von diesen Tussis geworden, die Gefühle brauchen, um Sex zu haben. Was für ein Horrortrip. Es gefällt mir nie, mädchenhaft zu sein, denn mädchenhaft sein bedeutet angreifbar sein. Aber die Nummer heute war eindeutig überflüssig, karmisch betrachtet wahrscheinlich sogar schädlich. Körperlich kurzfristig sättigend, aber mit keinem wirklichen Genuss verbunden. Wie eine Tüte Instant Nudeln. Ich kriege ein bisschen Panik. Was ist, wenn es von nun an immer so ist?

Sex mit einem Freund

November 2018. Eines morgens finde ich Luca in meinem Bett. Nachdem ich mich monatelang gefragt habe, ob nach unserem Kuss auf der Straße schon alles passiert ist, ist er gestern so beiläufig und unspektakulär mit zu mir gekommen, dass ich mich frage, worauf wir eigentlich die ganze Zeit gewartet haben. Wir essen zusammen Falafel wie sonst auch, und er sagt, er will noch nicht nach hause und ich sage, naja, dann komm mit zu mir, ich hab Netflix und ne Couch. Okay, sagt er. Mir wird klar, dass wir uns schon über ein Jahr kennen und ich habe noch nie so lange gewartet mit jemandem.

Aber die Tatsache, dass wir Freunde sind hilft nicht. Mein Kopf bleibt stur, er geht einfach nicht aus. Ich schaffe es nicht, die Angst vor dem Kontrollverlust zu überwinden und deswegen bleibe ich allein in meinem tyrannischen Kopf, ich lasse nicht los, ich halte meinen Fuß fest auf die Bremse gedrückt. Es muss etwas tief verwurzeltes sein, eine archaische Angst, denn was zur Hölle soll schon schlimmes passieren, es kann gar nichts passieren, ich habe nicht ein einziges kompliziertes Gefühl für Luca. Ich finde ihn wunderschön, und ich mag ihn und seine Neurosen, und ich bin mir relativ sicher, dass er kein fieser Typ ist.

Wovor zum Teufel hast du also Angst, Kopf? Am nächsten Morgen, während ich wach werde und Lucas Rücken anstarre, denke ich, dass ich gar nicht von Sex rede, wenn ich über Sex rede, eigentlich geht es um etwas anderes, es geht um Intimität. Sex ist einfach. Intimität nicht. Jemanden wirklich an sich ran lassen, sich körperlich und — wenn man es richtig anstellt, auch seelisch — nackt zu machen, seine Rüstung abzulegen, das ist wirklich halsbrecherischer Shit. Und es stehen tatsächlich ein paar Sachen auf dem Spiel. Luca ist mir nicht egal. Falls irgendwas mit ihm schief läuft, werde ich das mit klarem Kopf durchfühlen müssen, ohne Abkürzung, ohne Weichzeichner.

Der neue Russe

Januar 2019. Mein neues Tattoo ist verheilt und meine Saunasperre ist um und deswegen habe ich heute früher Feierabend gemacht und gehe ins Vabali. Zum Einstieg gehe ich in die Panorama Sauna in der oberen Etage. Die ist nicht übermäßig heiß und hat einen schönen Ausblick auf den Park. Es wird gerade dunkel und ist angenehm leer, nur ein paar Männer hängen wie dösende Gorillas auf den oberen Bänken rum, ich lege mich nonchalant zu ihren Füßen, strecke mich auf dem warmen Holz aus und atme, während der Schweiß langsam anfängt, an mir runter zu rinnen. Ich wackle mit meinen Zehen und bin entzückt darüber, jung, gesund und nackt zu sein und das erste Mal in meinem Leben nicht den Plan zu haben, zwei bis vier Kilo abzunehmen. Seitdem ich denken kann habe ich in einer provisorischen Version meines Körpers gelebt. Als wäre mein aktueller Körper nur die Vertretung, bis mein eigentlicher Körper aus dem Urlaub zurück ist. Seitdem ich nicht mehr trinke ist mein Gegenwartskörper der einzige, den ich brauche. Und es geht ihm gerade ziemlich fantastisch.

Der Typ sitzt ein paar Meter weiter am äußeren Ende des Raumes und ich nehme ihn nur am Rande wahr. Nach einer Viertelstunde gehe ich raus, die Treppe runter, ich dusche kalt,  und wasche mir danach die Füße in einem warmen Becken, und dann nehme ich mein Buch und suche den nächsten Kamin. Der Typ von vorhin kommt mir entgegen und als sich unsere Blicke treffen, lächelt er mich strahlend an, ein 20.000 Lux Lächeln, ein absolut entwaffnendes Lächeln. Ich denke: Flirten, indem man lächelt, ist total anachronistisch. Ich weiß, dass er mich gleich anquatschen wird.

Und es dauert nur 10 Minuten, ich habe den Kamin schon fast gefunden, da taucht er auf und sagt mit einem schweren russischen Akzent: »Hey I know it’s weird to chat up a girl in a place like this, but …« und den Rest hab ich sofort wieder vergessen. Er hat blaue Augen und schwarze Wimpern und wir reden über Moskau, wo er wohnt und darüber, dass mein Ex Russe ist und er fragt mich, was meiner Ansicht nach der Unterschied zwischen deutschen und russischen Männern ist und warum die Berliner alle so gut englisch reden und wir finden den Kamin und werfen uns Schulter an Schulter in das tiefe, weiche Sofa. Er erzählt mir, dass er ein einziges Mal in seinem Leben betrunken war, und es nicht mochte: »I don’t like to lose the control, you know?« Ich glaube, er hat in seiner Kindheit mal gestottert, manchmal gibt es diese kleine Irritation in seinen Sätzen. Wir kennen uns seit weniger als 15 Minuten und während ich ihn lächelnd ansehe und ihm nur noch mit halben Ohr zuhöre, denkt mein Kopf: Du hübscher Russe, ich werde total mit dir schlafen. Wahrscheinlich noch heute. Und nichts daran fühlt sich beängstigend oder falsch oder dramatisch oder gefährlich oder auch nur einen Hauch kompliziert an.

Der Russe kriegt den Knoten auf. Ich weiß nicht, was es genau ist. Die Tatsache, dass er übermorgen wieder zurück nach Moskau fliegt, oder der russische Akzent, oder das Nacktsein, oder die Wärme, oder vielleicht ist es auch einfach an der Zeit, aber: alles ist plötzlich ganz einfach. Ich bin so weit von meinem Leben und meinem Brainfuck und meinen Zweifeln und meinen Komplexen entfernt, es ist, als hätte ich alles, was mich nervt und zurück hält, alle Stimmen in meinem Kopf, zusammen mit meinen Klamotten in der Umkleide gelassen und jetzt gibt es nichts mehr, was mich einengt, nichts, was meine Instinkte trübt. Ich küsse ihn im Pool, noch bevor ich seinen Namen kenne. Wir machen einen superheißen Orangen Aufguss und schrubben unsere Haut mit Salz, bis wir glühen. Wir essen Burger im Restaurant und ich frage ihn, was seine Pläne für den Rest des Wochenendes sind. Er fragt: »You mean, besides having Sex with you?« und noch vor Mitternacht sind wir bei mir zuhause und mein Kopf ist endlich, endlich still.