Cool Girl

Obwohl mein Kopf es besser weiß, habe ich manchmal noch romantische Gefühle für das Trinken. Wie für einen zweifelhaften Exlover, den ich aus guten Gründen verlassen habe, dessen Küsse aber konkurrenzlos sind. Ich habe immer noch nicht herausgefunden, was für Getränke ich an der Bar bestellen kann, die nicht wie was für Kinder rüberkommen. Ich bestelle oft Tonic Water, was viele Barkeeper überraschend stark verwirrt. »Einen Gin Tonic also!« Nein nein, ein TONIC WATER. Tonic ohne Gin ist irgendwie nicht richtig denkbar. Wasser ist auch schlecht, es wirkt irgendwie immer so, als müsse man gleich wieder weg, wolle aber vorher noch allen anderen einen Vorwurf machen. Und alkoholfreies Bier ist, naja, wie in einem Schutzanzug vögeln. Früher habe ich Leute, die alkoholfreies Bier trinken, nicht mal als vollwertige Erwachsene betrachtet. Nach meinen eigenen alten Maßstäben bin ich also sehr, sehr uncool.

Das war mal anders. 2010 verbringe ich meine Tage und Nächte mit coolen Sachen. Ich bin Barkeeperin: das ist schon mal die halbe Miete. Ich rede viel und offenherzig über Schwänze und Brüste und Sex im Allgemeinen. Mit Romantik kann ich nicht so viel anfangen. Ich schlafe mit verheirateten Männern und verlange nichts von ihnen, außer, dass sie bei ihren Frauen bleiben. Ich stelle mich jeden Tag nackt vor den Spiegel und trainiere mein »Männer Ego«, was bedeutet, dass ich mir selbst erzähle, wie hot ich bin. Ich habe offiziell noch nie im Leben über meine Figur nachgedacht, nehme aber trotzdem nie zu. Ich kann sehr viel Bier trinken, ich liebe Gangsterfilme, Boxkämpfe im Fernsehen und und ich finde Mädchen anstrengend und hänge deswegen lieber mit den Jungs rum. Ich sage Sachen wie: »Ich hab so Hunger, ich könnte ein ganzes Schwein essen« oder: »Ich war so gestresst, dass ich mir erstmal einen runterholen musste.« Ich und meine beste Freundin Mike sind in unserer Cool-Girl-Phase: wir spielen coole Jungs in heißen Mädchenkörpern. Wir leben etwa wie Amy.

Amy ist, wie Carrie, New Yorkerin. Sie hat einen coolen Job als Redakteurin eines Männermagazins, fantastische Freunde, eine schicke Wohnung in New York und jede Menge Sex. Es ist ihr egal, wie sie dabei aussieht und sie hat kein Problem damit, zu sagen, was sie will. Sie ist so freiheitsliebend, dass sie keinen ihrer Lover ein zweites Mal trifft. Als ihr Boyfriend traurig ist, weil er gerade rausgefunden hat, dass sie seine romantischen Gefühle nicht erwidert, sagt sie: »Ich bin gerade wirklich zu high für dieses Gespräch.« Sie wacht nach einem Blackout im Bett eines fremden Typen am anderen Ende der Stadt auf und weiß nicht, wo sie ist. In Heels und goldenem Minirock stolpert sie aus dem Haus, nicht ohne dem Kerl zuvor restbesoffen zu erklären, dass sie sich nie wiedersehen werden. »Ich bin einfach eine moderne Braut, die macht was sie will«, bringt sie sich selbst auf den Punkt.

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Amy Schumer, 2015

Amy ist die Heldin des Films Trainwreck (der dümmliche Titel für den deutschen Markt lautet unerklärlicherweise Dating Queen) und gleichzeitig eine Art Alter Ego ihrer Schöpferin, Amy Schumer. Sie ist eine Weiterentwicklung der Sex and the City-Frau, mit der meine Generation aufgewachsen ist: Als Carrie in der ersten Folge von SatC testweise »Sex wie ein Mann« hat – also Sex als Selbstzweck, nicht als Mittel, um einen Boyfriend zu kriegen – wird sie nur wenig später an die Wichtigkeit der romantischen Liebe erinnert. Amy hat 2015 sehr viel Sex als Selbstzweck und glaubt nicht an die romantische Liebe. Außerdem darf sie noch ein paar Sachen, die Carrie nicht durfte, zum Beispiel einen für Hollywood Standards ausladenden Körper haben und ohne Scham komasaufen. Sie flucht und fickt und trinkt und raucht und isst, so viel sie verdammt nochmal will. Und obwohl auch diese Geschichte, wie praktisch alle anderen Geschichten, trotz aller Versprechen auf Alternativen, auf das unvermeidbare Happy End in Gestalt des männlichen Erlösers zusteuert, lebt Amy weitgehend selbstbestimmt, lustbetont und kompromisslos. Man könnte auch sagen: wie ein Kerl.

Die Heldinnen mit männlich konnotierten Attributen und Lebensweisen auszustatten (fehlendes Interesse an süßlicher Romantik, Promiskuität, finanzielle Unabhängigkeit, ehrgeizige Karriereziele) wird seit mindestens 100 Jahren in der westlichen Kultur zur Beschreibung einer emanzipierten Frau genutzt. Dazu gehört meist auch das Trinken. Richtig einen wegstecken und was vertragen zu können gilt nicht erst seit gestern als ein Attribut einer coolen, starken, modernen Frau.

Das weibliche Trinken hat mit der fortschreitenden Frauenbewegung einen Imagewandel hingelegt. Noch in den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts war es etwas, was die Frauen bleiben ließen, versteckten oder als Medizin tarnten. Es waren Zeiten, in denen sich viele Sachen für eine Frau nicht gehörten: eigene Ziele verfolgen, an sich selbst denken, sich nehmen, was man will. Von Frauen wurde erwartet, zurückhaltend, bescheiden und maßvoll zu sein, nicht zu laut zu sprechen und möglichst wenige eigene Ambitionen zu haben, weder im Bett, noch im Job. Heute sind wir ein ganzes Stück weiter, doch während wir uns langsam aus den vielen Schichten restriktiver Glaubenssätze schälen, orientieren wir uns in unserem Freiheitsbegriff nach wie vor an den Männern. Nach der Cool-Girl-Logik gilt: Was Männer dürfen, müssen wir auch dürfen. Emanzipation, also die Befreiung der Frauen von wirtschaftlichen, moralischen und juristischen Abhängigkeiten, bedeutet, dass sie Zugang zu allen männlich dominierten Sphären bekommen und sich verhalten können – und sollen – wie Männer. Es geht darum, den Männern möglichst ähnlich zu werden, ihre Sprache zu sprechen und ihre Riten zu adaptieren. Je weiter die Frau in die Männerwelt vordringt, je »männlicher« sie in ihren Ambitionen, ihren Emotionen und ihrem Habitus dem Mann (besser gesagt einem bestimmten, eng eingegrenzten, männlichen Stereotyp) ist, desto befreiter darf sie sich fühlen. Alles, was Jungs machen und gut finden ist gut, alles was Mädchen machen und gut finden, ist schlecht. Cool Girl soll deswegen Sportschau, Videospiele, Junkfood,  Bier und bindungslosen Sex lieben, sie darf rülpsen und fluchen und schmutzige Witze reißen. Cool Girl soll alles machen, was die Jungs auch machen. Natürlich nur, solange sie dabei heiß aussieht.

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Die befreite Frau in den 1970ern (links) und 2015 (rechts)

»Wenn Sie gern Doppelkorn und Pils – und zwar zusammen – trinken, aber eine Frau sind: kein Problem! Es macht Sie sogar interessanter, wenn Sie aussehen wie eine Frau, riechen wie eine Frau, sich bewegen wie eine Frau, sich aber verhalten, wie Männer sich selbst gern sehen, so unempfindlich und beherrscht und hart gegen sich selbst. Also los, runter mit dem Zeug!« — Elisabeth Raether

Die deutsche Autorin Elisabeth Raether hat 2016 einen in dieser Hinsicht exemplarisches Buch veröffentlicht, Titel: Die trinkende Frau. In den gesammelten Essays deutet die Autorin das Trinken explizit als ein Zeichen für weiblichen Emanzipation. Sie führt an, dass den Frauen der Vergangenheit der Zutritt zu Bars und Clubs verboten gewesen ist und plädiert dafür, sich diesen Raum, sowohl wörtlich als auch metaphorisch, zurück zu erobern. Botschaft: Wir haben die Schnauze voll davon, immer nett und adrett und zurückhaltend zu sein, wir haben ebenso das Recht, auf die Kacke zu hauen und Dummheiten zu machen wie die Männer. Raether reflektiert ihre eigene Argumentation durchaus kritisch: »Ich gebe zu, dass es ein bisschen frivol wirken könnte, das Trinken zu einem Akt des Widerstands zu erklären. In Wirklichkeit trinke ich natürlich einfach gern, und zwar nicht immer unbedingt im Namen der Frauenrechte.«

Das war lange meine Idee von Feminismus: Nichts mädchenhaftes zulassen. Alles tussihafte niederkämpfen. Denn Mädchen sind schwach und und kuschlig und zu zaghaft in Gehaltsverhandlungen, deswegen werden sie schlechter bezahlt, also sei kein Mädchen. Sei ein Kerl. Trink Schnaps, sei hart und unerbittlich. Eine der ersten dieser wilden Frauen, die den Jungs-Lifestyle leben war für mich Paprika Kramer, die Protagonistin des Romans Ruf! Mich! An! von Else Buschheuer. Ich lernte sie schon als Teenager kennen und lieben. Paprika ist Berlinerin, Chefin einer Werbeagentur, neurotisch, zynisch und soziophob. Sie badet mit Headset, kommandiert ihren Assistenten herum, führt eine Pistole mit sich, hat abgründigen Sex und verdient irre viel Kohle. Nichts davon würde man als klassisch feminines Verhalten bezeichnen.

Wie Amy scheint auch Paprika Züge ihrer Schöpferin zu tragen. Nach eigener Beschreibung ist Buschheuer: »hochgeschlossen und hochhackig, eine Amazone mit roten Krallen«. Find ich nicht schlecht, dieses Image. Kann ich was mit anfangen. Buschheuer hat 2014 einen Artikel über ihr eigenes Trinken veröffentlicht. Im SZ Magazin erschien der Text Die eingebildete Trinkerin. Buschheuer beschreibt, wie sie bei der Arbeit Wodka in ihre Wasserflasche gießt und in ihrer Handtasche grundsätzlich ein paar Dosen Prosecco mit sich herum trägt. Wie sie die Dosis steigert und ihr Trinken mit dem der anderen zu vergleichen beginnt. Der Text ist mit »Abschied vom Alkohol« untertitelt, handelt aber, wie sich am Ende herausstellt, keineswegs von einem Abschied. Bloß von einer der guten alten Moderationsmaßnahmen. Die Autorin trinkt jetzt von Montag bis Mittwoch keinen Alkohol. Jede Woche, wenn sie ihre drei alkoholfreien Tage geschafft habe, sagt sie in einem Interview, sei sie »stolz«. Dem Artikel ist eine kleine Notiz der Redaktion angehängt: An alkoholfreien Tagen trinkt [die Autorin] Kirschsaft aus Rotweingläsern und täuscht auch schon mal einen Schwips vor, um nicht als moralinsaure Spaßbremse dazustehen. An vier Tagen die Woche ist die Autorin also keine moralinsaure Spaßbremse, an den anderen drei ist sie stolz, dass sie es geschafft hat, den Spaß zumindest vorzutäuschen. Ernsthaft? Das soll die Botschaft sein? Eine erwachsene Frau, die eine beeindruckende Karriere und ein bewundernswertes Gehirn vorzuweisen hat, und das erste, was ihr einfällt, wenn sie nach ihren Errungenschaften gefragt wird, ist dass sie es hinkriegt, sich Montag bis Mittwoch nicht volllaufen zu lassen? Call me crazy, aber ich glaube, da ist noch Luft nach oben.

In allen Industrienationen nähert sich der Alkoholkonsum der Frauen dem der Männer an. Junge Frauen in Deutschland trinken 2018 etwa gleich viel wie ihre männlichen Altersgenossen. Und es werden folglich auch immer mehr Frauen krank. Vor rund zehn Jahren kam auf 3,5 alkoholkranke Männer eine Frau, heute kommt eine Frau auf 2,4 Männer. Durch die Bank weg gilt: Je emanzipierter die Frauen, desto mehr trinken sie. »Wer trinken kann wie ein Mann, verdient auch Kohle wie ein Mann« schlussfolgert Raether zusammenhanglos. Tatsächlich ist es natürlich keineswegs so, dass man automatisch mehr Geld verdient, wenn man trinkt wie ein Kerl, denn davon wächst einem schließlich auch kein Schwanz. Es ist eher andersrum: Wenn du dich dafür entscheidest, es in unserem spätkapitalistischen El Dorado zu etwas zu bringen, musst du dir überlegen, wie du mit dem Leistungsdruck umzugehen gedenkst. Ein Wein nach Feierabend ist da deutlich schneller und effizienter als Yoga.

Die Frauen haben heute – zumindest theoretisch – den gleichen Zugang zu gut bezahlten Jobs wie die Männer. Sie verdienen fast gleich viel Geld und auf ihnen lastet der gleiche Leistungsdruck. Vielleicht haben sie auch noch ein kleines bisschen mehr Druck, denn sie verbringen ja dazu nach wie vor noch mehr Zeit als die Männer mit dem klassischen Frauenkram (Haushalt, Kinder, Pflege Alter und Kranker) und zusätzlich haben sie für all die Dinge, die sie im Leben heutzutage erreichen können/sollen noch ein paar Jahre weniger Zeit. Einerseits bringt die Gleichstellung den Frauen also mehr Arbeit, Verantwortung und Stress, andererseits Sachen wie Unabhängigkeit, eigenes Geld und die Möglichkeit, dieses Geld in Statussymbole zu investieren. In edlen Wein oder teure Cocktails beispielsweise. Die wir uns nicht nur leisten können, sondern die wir uns am Ende des Arbeitstages auch verdammt nochmal verdient haben.

In Design-Kreisen kommt man seit ein paar Jahren schwer an Jessica Walsh vorbei. Sie ist Partnerin einer angesehenen New Yorker Werbeagentur und ihre zwei Instagram Accounts sehen aus, als werden sie von einem Team aus drei Leuten in Vollzeit kuratiert (was wahrscheinlich auch so ist). Sie verfügt über eine beeindruckende Karriere und ein sehr stylisches Leben und noch dazu – das untermauert die Glaubwürdigkeit einer Frau ja immer enorm – sieht sie ziemlich gut aus. Sie kann davon ausgehen, dass die Leute es ihr abnehmen, wenn sie der Meinung ist, irgendwer oder irgendwas sei der neue heiße Scheiß. Die Inszenierung ihres multicolorierten New Yorker Hochgeschwindigkeits-Lifestyles ist im Prinzip das, was Sex and the City Anfang der 2000er war: Schicke Restaurants, hippe Galerien, teure Schuhe. Der Drink ist eine wichtige Komponente im Gesamtbild. Da gibt es ein Stillleben ganz in bordeaux, das Glas Wein im Zentrum, auf die Serviette gestickt: Cheaper than therapy. Oder das Portrait einer jungen Stewardess-mäßig aussehenden Frau, rote Lederhandschuhe, farblich abgestimmter Drink, auf dem Reisepass der Slogan It’s 6 pm somewhere und in der Unterzeile: »Ich liebe Flugreisen! Denn Trinken ist akzeptabel zu jeder Tageszeit«. Oder sogar Jessica selbst, entkräftet über eine Toilettenschüssel drapiert, verziert mit dem Motto: I will never drink again – starting never. Haha. Kennen wir das nicht alle.

 

Trinkende Frauen Abb 2

Jessica Walsh @jessicavwalsh

Trinkende Frauen Abb 3

Jessica Walsh @jessicavwalsh

Industrie und Lifestylemedien arbeiten Hand in Hand, um den Frauen das Trinken so angenehm wie möglich zu machen. Für die, die saufen, aber dabei immer noch damenhaft sein wollen, gibt es gegenderte Getränke in rosa und lustige kleine Wein-Memes, praktisch jeden Freitag haut die Cosmo eine Wochenend-Trink-Erinnerung raus: I need a large glass of friday night pls! und dazu gibt es Hangover-Hacks im Beauty-Teil (Kokoswasser trinken! Und gegen die Fahne eine dünne Scheibe Ingwer lutschen!)

Trinkende Frauen 1

Instagram @cosmopolitan_de

Der Haken ist natürlich: Frauen können nicht trinken wie Männer. So sehr sie auch in vielen sozialen und wirtschaftlichen Belangen mit den Männern aufschließen, gibt es doch ein paar physiologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die sich nicht kulturell dekonstruieren lassen. Frauen sind in der Regel leichter als Männer und haben außerdem einen verhältnismäßig hohen Körperfett- bei gleichzeitig niedrigerem Wasseranteil, was den Abbau des Alkohols verlangsamt. Zudem produziert ihre Leber weniger des Enzyms, das Ethanol aufspaltet. Heißt: Frauen werden schneller betrunken, sie bleiben länger betrunken und sie werden schneller abhängig. Schon kleine Mengen Alkohol erhöhen das Brustkrebsrisiko signifikant. Alle anderen durch Alkohol ausgelösten Gesundheitsschäden treffen Frauen härter als Männer. Wenn also eine Frau trinkt wie ein Mann wird sie das teurer bezahlen als er.

Die Sache mit der Abhängigkeit wird in den Texten von Raether und Buschheuer nicht übergangen. Buschheuer argumentiert, das alles sei ja schließlich ihre Sache und sie niemandem etwas schuldig: »Ich habe das Recht zu trinken, aber habe ich die Pflicht, daran nicht zur Säuferin zu werden? Wo steht das?«. Und Raether umschifft die Problematik, in dem sie ihr einen neuen Namen gibt: »Alkoholsucht ist schlimm, aber man sollte nicht immer gleich von Abhängigkeit sprechen, wenn jemand etwas einfach sehr, sehr gern mag«. Und außerdem: »Liebe ohne Abhängigkeit ist nicht zu haben.«

Ich wurde kürzlich bei einem Abendessen von einem älteren, trinkenden Mann gefragt, weshalb ich nicht trinke. Ich gab eine meiner Standart-Antworten und er nickte und sagte: Ja, so eine betrunkene Frau sei ja auch sehr unattraktiv. »Ach natürlich, ich Dummerchen habe den wichtigsten Grund ganz vergessen«, erwiderte ich: »Was Männer für attraktiv halten!« Die Jungs finden es fantastisch, wenn man mit ihnen trinkt. Eine heiße Schnitte, die mit ihnen Shots kippt ist für viele Männer der Himmel auf Erden. Es ist das Gegenteil von zickig, das Gegenteil von kompliziert, das Gegenteil von Drama. Es ist mit den Jungs rumhängen und mit einem Mädchen fummeln in einem. Genau wie in der Coke Zero Werbung: Wenn du ein Cool Girl datest, kannst du Manuel Neuer und ein heißes Betthäschen gleichzeitig haben. Aber offensichtlich betrunken sein oder gar abhängig werden ist nicht hübsch und daher auch dringend zu vermeiden.

Der doppelte Standard der Geschlechter ist ja nicht plötzlich aufgehoben, nur, weil die Frauen beschlossen haben, dass es lässig wirkt, wenn sie sich regelmäßig einen reinzwirbeln. Eine süchtige Frau wird immer noch ein bisschen anders behandelt als ein süchtiger Mann. Besonders, wenn sie deswegen ihre Familie vernachlässigt. Oder ihrem Aussehen schadet. Als das coolste Mädchen der Welt, Jennifer Lawrence, 2014 bei der Oscarverleihung stolperte und später erklärte, das sei des Champagners wegen passiert, schrieb ihr ein männlicher Journalist einen offenen Brief, in dem er sie sich väterlich zur Brust nahm (»Babe, wir müssen reden«). Zwar habe sie das Glück, »ein Gesicht wie ein Engel« zu haben und »einen Vorbau, der einen Schreiner Meister beschämen würde« (sorry, das klingt im englischen Original leider genau so schlimm wie in meiner Übersetzung), dennoch müsse sie, Jenny, sich vorsehen: »Je älter du wirst, desto weniger charmant wird deine Betrunkenheit sein, das kann ich dir versichern«. Es sind Arschlöcher wie Ned Hepburn, sexistische Totalausfälle wie dieser, die sogar noch in mir den Impuls wachrufen können, mir (jetzt erst recht!) einen Drink rein zu drehen. Trinken hilft nämlich, zumindest auf die kurze Distanz, wirklich schnell gegen diese toxische Mischung aus Wut und Machtlosigkeit, die dich überkommt, wenn dir mal wieder ein Typ erklärt, dass du selbst schuld an deiner Objektifizierung bist, wenn du hohe Schuhe trägst oder wie du ganz Allgemein zu sein hast, um für ihn (also die Welt) »attraktiv« zu sein.

Mit einem klaren Kopf ist das alles oft schwer zu ertragen, da sind wir uns einig. Aber Trotztrinken kann nicht die Antwort sein. Wir sind ja schließlich keine Kinder mehr. Statt das Spiel nach den alten Regeln zu spielen, sollten wir uns vielleicht lieber neue Spiele ausdenken. Patriarchat ist ja nicht etwa die Herrschaft der Männer, sondern die Herrschaft der Väter. Es dient nicht etwa allen Männern, sondern ein paar wenigen, mächtigen. Die Regeln dieses alten Systems könnte man ja mal ganz grundsätzlich hinterfragen. Und es sind Fragen, die Männer und Frauen gleichermaßen angehen. Warum soll ich es zum Beispiel wichtiger finden, ein widerstandslos schnurrendes Rädchen im kapitalistischen Getriebe zu sein als ausreichend zu schlafen? Warum verliert derjenige, der lieber mit seinen Kindern rumhängt, als Zeug zu verkaufen? Warum gewinnt derjenige, der seine Gefühle unterdrückt? Warum gewinnt diejenige, die es am längsten schafft, gegen ihre Natur zu leben? Wozu machen so viele Leute Jobs, die sie hassen, um sich dann von dem verdienten Geld Scheiße zu kaufen, die sie nicht brauchen? Warum sind so viele Menschen überzeugt davon, dass sie ihr Leben nur ertragen, wenn sie sich weg ballern?

Obwohl man diese Fragen alle sehr gut beim Trinken erörtern kann, sind die Antworten nicht im Rausch zu finden (und ich habe wirklich sehr gründlich nachgesehen). Du hältst dich für eine verwegene Rebellin mit deinem Whiskey im Glas — guess what, mehr als 96% der Erwachsenen in diesem Land trinken. Das Trinken hat überhaupt keinen rebellischen Glanz. Es ist weder verwegen, noch kühn und schon gar nicht nonkonformistisch. Das Recht, genau so zu saufen wie die Männer ist einfach nur das Recht, sich genau so fatalistisch mit genau den gleichen untragbaren Zuständen abzufinden. Es ist ein ganz fauler, fadenscheiniger Deal. Ist es wirklich ein Zeichen für deine Befreiung, wenn mehr Leute sich für deine niedlichen Sandalen interessieren als für die Tatsache, dass du gerade rotzedicht über der Kloschüssel hängst? Ich glaube, Freiheit ist was anderes. Freiheit ist ein Leben, vor dem man nicht weglaufen will.