Schmerz

Im August 2014 vögelt der Russe einer meiner besten Freundinnen und liefert mir so den finalen Grund, ihn zu verlassen. Die Beziehung ist schon lange krank gewesen. Es ist schon seit mindestens einem Jahr kein Tag mehr ohne Streit und Hoffnungslosigkeit vergangen. Aber es ist noch nicht so schlimm.

Nicht so schlimm war immer das Mantra, beim Trinken und in der Liebe. Dass es nicht mehr gut genug war, reichte nicht, es musste schon richtig schlimm werden, und es war lange nicht so schlimm, nicht schlimm genug. Als der Russe schließlich demonstrativ meine Freundin durchzieht, gibt es keinen Interpretationsspielraum mehr. Dies erfordert eine ernsthafte Reaktion.

In den Wochen, die auf die Trennung folgen, bin ich mehr oder weniger manisch vor Schmerz, übernächtigt und überdreht,  fahrig und sprunghaft, und so wütend wie noch nie. So wütend, dass allein die Wut der Treibstoff zu sein scheint, der meinen Motor am Laufen hält, so wütend wie bis obenhin voll Koks, so wütend, dass ich mich fühle wie eine brennende Ölquelle, so wütend, dass nur rennen bis zur totalen Erschöpfung kurzzeitig hilft. Und ich renne. Wie ein Tier durch die Gegend, mit ungekämmten Haaren, ohne Energie, ein ordentliches Erscheinungsbild aufrecht zu erhalten, Flecken auf den Klamotten, Wahnsinn in den Augen, monstermäßige Libido.

Ich stürze mich unmittelbar nach der Trennung in eine Affaire mit Tom, der in jeder Hinsicht das exakte Gegenteil des Russen ist. Er ist jung und hell, unbedarft, gut gelaunt und offenbar völlig begeistert von mir. Wir haben einen rauschhaften Spätsommer auf dem Land, wo er lebt, trinken eimerweise Rotwein am Kamin und haben jede Menge ungeschützten Sex im Wald. Ich überdosiere ihn auf jede Art, die ich kenne. Er sagt mir dreimal am Tag, ich solle doch bitte, bitte seine Freundin sein, ganz offiziell. Nach drei Monaten hat er mich soweit. Ich denke: der Typ ist so gut für mich, ich werde es bereuen, wenn ich ihn verschwinden lasse, nur weil das timing schlecht ist. Ich sage: »Okay, ich bin dabei.« Er sagt: »Sorry, ich habe vorgestern in der S-Bahn eine 19-jährige kennengelernt und es ist ernst.« Die Trennung von Rebound-Tom beendet die manische Phase. Jetzt kann ich endlich komplett auseinander fallen.

Ein paar Tage nach meinem depressiven dreißigsten Geburtstag ruft mich mein Vater an und sagt mir, es sei ihm »peinlich«, dass er meinen Geburtstag vergessen habe. Ich finde das sehr eigenartig, dieses Wort zu diesem Anlass zu benutzen, peinlich. So als ob er es bedauerte, die Regeln einer abstrakten gesellschaftlichen Gruppe verletzt zu haben, und nicht die Tatsache, dass er keine emotionale Verbindung zu seiner Tochter herstellen kann. Es tut mir leid, dass es ihm so geht, ich fühle mich ein bisschen schuldig deswegen. Ich sage, es sei schon okay, der Geburtstag sei mir sowieso egal. Und es stimmt. Was gibt es schon zu feiern?

Nur ein paar Wochen später ist mein Vater tot. Er stirbt plötzlich – nicht überraschend – an den Folgen seiner Sucht. In unserem letzten Gespräch, ein paar Tage vor Weihnachten, erteilt er mir, am Telefon, mit von Morphium wankender Stimme, die Aufgabe, allen seinen Geschwistern zu erzählen, dass er demnächst sterben, jedoch niemanden empfangen werde. Er ist konsequent: Ich sehe ihn nie wieder.

Im darauf folgenden Frühling treffe ich die Freundin, die mit meinem Freund geschlafen hat, zum Wein trinken und reden. Sie sagt mir, meine Beziehung zu dem Russen hätte doch vermutlich sowieso nicht gehalten, oder? Und wie sehr wiederum ihre eigene Beziehung von dem Seitensprung profitiert habe. Wut. Und mehr Wut. Ein anderer, langjähriger Freund distanziert sich im Sommer von mir, weil seine Neue jedes Mal heult, wenn er mich zum Abendessen trifft. Ich gehe einmal in der Woche zur Therapie, erzähle aber meinem Therapeuten nicht, wie viel ich trinke und wie sehr es mich besorgt. Meine Wut löst sich nicht auf, sie wird größer und dringt immer tiefer in mich ein und versteinert da. Sie beginnt mir den Atem abzuschnüren; sobald ich an den Russen oder meine Ex-Freundin oder meinen Ex-Freund oder Rebound-Tom denke, kann ich nicht mehr richtig atmen.

Wirtschaftlich sieht mein Leben ähnlich düster aus. Ich habe keine oder miese Jobs und bin so pleite, dass ich aufhöre, Briefe zu öffnen oder mein Bankkonto zu auch nur anzusehen. Ich weiß doch sowieso, dass es nichts bringt. Ich wende für meine finanziellen Angelegenheiten die religiöse Methode an: bei jedem Lebensmitteleinkauf bete ich.

Im Sommer 2016 nehme ich aus Verzweiflung einen Job in einem Self-publishing Verlag an, bei dem meine Hauptaufgabe darin besteht, Leuten Emails zu schreiben, die ihre eigenen Namen auf dem Cover ihrer Bücher falsch geschrieben haben. Nach den Schichten dort fühle ich mich, als hätte man mir das Hirn raus operiert. Ich quäle mich durch diesen miesen Job, das Geld reicht trotzdem nicht und ich kann vor Existenzängsten kaum schlafen.

Ich habe weiterhin Dates. Nicht etwa, weil ich Lust dazu hätte, sondern, weil ich Angst habe, meine Chance auf Liebe  zu verpassen, wenn ich zu viel meiner kostbaren fickbaren Zeit verstreichen lasse, bin aber leider – Überraschung! – komplett unfickbar. Ich nehme Männer nur noch als Bedrohung wahr. Ich bin davon überzeugt, dass sie jeden Trick anwenden, um mich rumzukriegen, sich aber nicht die Spur für mich interessieren. Sie interessieren sich ausschließlich dafür, was ich repräsentiere, und das hat hauptsächlich mit meinem Körper zu tun. Ich weiß: Sie belügen und benutzen dich, um dich zu erobern. Wenn sie das geschafft haben, ist das Spiel für sie erledigt. Und sie lassen dich fallen. Und je näher du sie an dich ran lässt, desto verheerender wird der Schaden sein, den sie anrichten. Ich weiß: wenn ich einem von ihnen Macht über mich gebe, bin ich geliefert.

Der Brasilianer taucht auf, um all meine düsteren Zukunftsvisionen zu bestätigen. Er schreibt mir monatelang Liebesgedichte und spricht mit hypnotischer Stimme zu mir, nur um mich dann bei jedem zweiten Treffen zu versetzen, tagelang abzutauchen und sobald ich mich von Boden aufgelesen habe, wieder zu erscheinen, um mich anzuflehen, ihm noch eine letzte Chance zu geben. Meine Selbstachtung ist so heftig beschädigt, dass ich ihm immer wieder rein lasse, wenn er an meiner Tür kratzt, obwohl ich mit absoluter Sicherheit weiß, dass niemals irgend etwas Gutes in dieser Geschichte passieren wird und ich einzig und allein deswegen zurück gehe, weil mein beschissener toter Vater genau diese Art von Sado-Maso-Gefühlen in mir ausgelöst hat, als ich ein kleines Mädchen war.

Das sind also deine Dreißiger, denke ich. Die angeblich beste Zeit deines Lebens. Ein einziger, beschissener Witz.

Eines Abends im August 2016 sitze ich mit meinem Freund Matthew im Rosengarten und trinke Bier, als ein kleiner Schmerz, den ich seit ein paar Tagen im Unterleib habe, plötzlich so heftig wird, dass ich ohne Vorwarnung neben mir in die Rosen kotze. Matthew und ich verbringen die Nacht in der Notaufnahme der Charité, wo man eine ganze Reihe Tests mit mir macht, ernst auf Ultraschallbilder schaut und mich stundenlang auf Fluren warten lässt, wo ich in Plastikbeutel kotze und auf einer Liege hin und her rolle. Gegen fünf Uhr morgens flippt Matthew aus, greift sich eine der Assistenzärztinnen und schüttelt eine Antwort aus ihr raus. Die Frau ist offenbar auch schon ziemlich lange wach, also kann sie mit Matthews »What the fuck ist hier los, verdammte scheiße?« nicht gut umgehen. Sie sagt gereizt, es handle sich bei der Schmerzursache um eine »Raumforderung«. Ich frage – nicht sehr höflich – ob sie das auch für nicht-Mediziner übersetzen kann.

Ein Tumor, zickt sie entnervt, ein sehr großer Tumor. Aber sie könne mir jetzt nichts weiter sagen, dazu sei sie nicht befugt, ich müsse auf den zuständigen Arzt warten. Und dann lässt sie mich und Matthew und meine brandneue Todesangst allein.

Zwar hört man immer, dass in solchen Momenten das Leben im Zeitraffer an einem vorbei zieht, bei mir ist es interessanterweise die Zukunft, die in Schnappschüssen vor mir abläuft. Der Tumor ist schon sehr groß, hat sie gesagt, wie viel Zeit gibt mir das? Zwei, drei, vier Monate? Ich sehe, wie ich mich von Leuten verabschiede, Chemo ablehne, würdevoll mein Schicksal akzeptiere, mir eine Knarre an den Kopf halte. Wo kriege ich die Knarre her? Ich gehe in meiner Erinnerung Leute durch, die Waffen besorgen könnten. Sag ich es irgendwem? Oder halte ich es geheim, um kein riesen Fass aufzumachen? Ich denke: Ich hätte mehr reisen sollen. Ich denke: Ich wäre so gerne noch ein einziges Mal verliebt gewesen.

Eine halbe Stunde später kommt der Arzt und sagt mir, dass ich eine Zyste an meinem Eierstock habe, die zwar wirklich beeindruckend groß und furchterregend ist, mich aber nicht umbringen wird. Sie hat meinen Eierstock einmal herum gedreht wie eins von diesen altmodischen Telefonkabeln; das verursacht den Schmerz. Aber ich werde nicht sterben. Zumindest voraussichtlich nicht mehr in 2016. Ich habe lange nicht mehr einem Mann so viel Zuneigung entgegen gebracht wie diesem Arzt.

Das Miststück von Zyste wird am nächsten Tag von einem irritierend jungen, hippen, gut gelaunten und stark tätowierten OP-Team herausgeschnitten. Bevor die Anästhesie wirkt, denke ich noch ungläubig: Diese Leute sind alle in meinem Alter. Erstaunlich, was man so alles schaffen kann, bevor man Mitte Dreißig ist.

Die Tage im Krankenhaus bringen mein Leben zu einem abrupten Stillstand. Ich bin auf einmal von meinem ganzen, verhassten Alltag befreit. Die monotone Krankenhausroutine wirkt wie ein fluffiges Sedativum. Ich muss nichts planen. Nicht arbeiten. Nicht denken, nicht kochen, nicht einkaufen, nicht rennen, keine einzige Entscheidung treffen. Ich glotze den halben Tag das Sonnenlicht auf meiner Zimmerwand an, bewege mich extrem langsam, mache nichts außer pinkeln, schlafen und essen und fünf bis sechs Stunden pro Tag im Bett weinen. Ich weine einfach tagelang unaufhörlich vor mich hin, ich habe so viele Gründe dafür. Und als nach drei Tagen die übliche Regenerationszeit für eine Laparoskopie um ist, bettle ich das Pflegepersonal an, dass sie mich noch ein bisschen länger bleiben lassen. Ich will nicht zurück da raus, zurück in dieses beschissene Leben voller Illusionen, die wie Dominosteine fallen und immer wieder neu aufreißenden Wunden und Existenzangst und Scheißjobs und miesen Typen.

Dates ohne Drinks Post 17

Blick aus dem Krankenhausbett

Ich trank nie bewusst lösungsorientiert. »Ich habe ein Recht zu trinken, weil es mir so schlecht geht« – diese Argumentation wäre mir zu fadenscheinig gewesen. Ich wusste genau, dass das Trinken mich zusätzlich belastete. Ich wusste, dass Alkohol ein Depressivum ist. Ich wusste, dass es ein Problem darstellte, dem ich mich irgendwann würde zuwenden müssen.

Aber mehr war es eben nicht für mich: Nur einer der Punkte auf der endlosen Liste von Sachen, die mein Leben ficken. Es wäre irgendwann dran, das war mir klar. Aber eben nicht gerade jetzt. Die anderen Sachen sind gerade einfach wichtiger.

Die Idee ist: Wenn es mir erst besser geht, dann trinke ich weniger. Wenn ich weniger Stress habe, kümmere ich mich drum. Wenn mein Liebeskummer nachlässt, wenn ich wieder besser schlafe, wenn ich mehr Geld habe, wenn ich mehr Zeit habe. Wenn ich mehr Kraft habe. Wenn ich in einer besseren Situation bin. Dann kann ich mich darum kümmern. Später. Morgen. Irgendwann.

Aber das Trinken ist kein einzelnes, isoliertes Problem. Es ist die magische Zutat, die all meinen Sorgen beigemischt ist, ein Bindemittel, das sich mit der Zeit immer weiter verhärtet, den Bewegungsradius immer weiter einschränkt, bis ich irgendwann vollkommen still stehe, wie eine Fliege in einem Tropfen Harz.

Der richtige Zeitpunkt aufzuhören, er kommt einfach nicht. Und der Drink bleibt da, ist immer da, in guten wie in schlechten Zeiten. Man gewöhnt sich daran, bei jeder Gelegenheit auszuweichen und das nackte, schnörkellose Fühlen auf Morgen zu verschieben. Langweile? Trink was und werde lustiger. Traurig? Der Drink macht daraus elegante Melancholie. Wütend? Der Drink löst das Korsett, das dir die Luft abschnürt. Ängstlich? Trink dir Mut an. Unsicher? Der Drink macht dich locker und selbstbewusst. Allein? Der Drink macht Fremde zu Freunden.

Und all diese Situationen wiederholen sich. Und man stellt sich vielen von ihnen immer seltener ohne Alkohol. Und irgendwann ist es unmöglich, sich diese Situationen ohne Alkohol vorzustellen. Es wird unmöglich, sich ein Leben ohne Alkohol vorzustellen. Das alles gilt nicht nur für »Alkoholiker«, es betrifft jeden, der gewohnheitsmäßig trinkt.

Ich beginne, Ursache und Wirkung zu vertauschen. Trinke ich, weil es mir schlecht geht oder geht es mir schlecht, weil ich trinke?

Schleichend, unbemerkt, nach und nach lähmt der Alkohol deine emotionalen Muskeln. Die, die für Wachstum notwendig sind, dich resistent gegenüber Frustrationen machen und dir ermöglichen, die Befehlsgewalt über dein Leben zu haben. Und es ist egal, ob du bloß zur Entspannung nach einem harten Arbeitstag ein Glas Wein trinkst oder zur Auflockerung bei einem gesellschaftlichen Anlass. Was du über den Alkohol denkst, hat keinen Einfluss auf die Natur des Alkohols. Deine Motivation zu trinken ist irrelevant. Alkohol ist addiktiv. Deine Meinung über ihn ändert nichts daran. Sobald Alkohol in deinem System ist, ist deine Erfahrung der Welt nicht mehr echt. Und du nicht mehr du. Es ist wirklich so simpel.

Ein sogenannter High-Bottom Alcoholic (Trinker mit hohem Tiefpunkt) zu sein ist in vielen Hinsichten ein Glück, denn man bringt den Prozess zum Stillstand, bevor man sich und sein Leben irreversibel beschädigt hat. In gewisser Hinsicht ist es aber auch eine Herausforderung, denn es bleibt immer ein Rest von Zweifel: War es wirklich so schlimm?

Der Beweis wird mir immer fehlen. Ich habe kein eindeutiges, schlagendes Argument, dass der Alkohol wirklich an allem Schuld war. Ein Haftbefehl zum Beispiel. Oder ein betrunkener Fahrradunfall. Oder ein Lover, der mich verlassen, einen Arbeitgeber, der mich gefeuert hätte, weil mein Trinken untragbar geworden wäre. Ich konnte keine meiner Schmerzen der letzten Jahre direkt auf mein Trinken zurück führen. Mein Vater wäre auch gestorben, wenn ich nicht trinken würde. Mein Freund hätte mich auch betrogen, wenn ich nicht trinken würde. Shit happens. Egal ob du trinkst oder nicht. Der Alkohol ist nicht an allem Schuld. Er raubt dir bloß die Fähigkeit, mit dem Schmerz klar zu kommen.

Unter Marathonläufern gibt es diesen Spruch, den ich mag: »Schmerz ist unvermeidlich, Leiden ist optional.« Das Leben wird dir weh tun, das ist sicher. Du hast keine Wahl in dieser Frage. Aber: du hast die Wahl, wie du auf den Schmerz reagierst. Was ich in meiner Trinkzeit nicht verstanden habe, jetzt aber begreife: Schmerzen fühlen allein ist kein Grund, sich auf den Rücken zu werfen und die Notstandsgesetze auszurufen. Du kannst alternativ auch trotzdem weiter gehen, Schritt für Schritt, Tag für Tag geradeaus gehen, während es weh tut, und eines Tages auf der anderen Seite wieder raus kommen. Tun, was notwendig ist, und nicht nur, was den Schmerz lindert.

Ein Bekannter sagte nach der Trennung von dem Russen zu mir: »Dass es weh tut, heißt nicht, dass es falsch ist.« Schmerz ist nicht dein Feind. Er gehört zur menschlichen Erfahrung dazu. Er hat eine Funktion. Er zeigt dir, was du liebst, was du brauchst, was gesund für dich ist, und wovon du dich besser fern hältst. Du musst ihn zulassen, ihn aushalten, ihn kennenlernen und mit ihm Zeit verbringen. Nur so verstehst du, wer du bist und wer du nicht bist, und in welche Richtung du gehen muss, um bei dir selbst anzukommen.