Fomo

Ich habe einen schlechten, einen wirklich miesen Tag. Ich bin unzulänglich, mutlos und schwach. Ich bin schrecklich furchtsam geworden. Und langweilig. Man kann nichts mehr mit mir anfangen. Ich habe verlernt, wie man spielt, wie man Risiken eingeht, wie man Sex hat, wie man all die Dummheiten macht, die einen weiterbringen. Meine Freunde kaufen Häuser und kriegen Kinder und trinken moderat ein paar Gläser Wein zum Essen, und was mache ich? In Selbsthilfegruppen rumsitzen und über toxische Männer obsessieren. Ich bin lächerlich und dieser ganze Sommer ist eine einzige Verschwendung.

So einen Tag habe ich.

Ich schiebe mein Fahrrad passiv-aggressiv auf dem mit hunderten glücklicher Menschen überfüllten Gehweg entlang und sehe dabei aus wie eine Dolce&Gabbana-Anzeige, bekomme aber trotzdem von der Welt nicht das, was ich will. Ich fühle mich beengt in meiner Haut, so als könnte ich nicht richtig atmen. Es ist zehn Uhr abends, ich bin auf dem Weg nach hause, oder sollte es sein, aber ich mache Umwege, weil ich nirgendwo ankommen will, weil ich nicht akzeptieren kann, dass diese Nacht schon durch ist. Ich habe einen massiven Fomo-Anfall, eine klassische Sommer-Fomo, die in solchen Situationen allein dadurch entstehen kann, dass man nichts weiter vorhat. Es ist eine perfekte, heiße Sommer-Nacht und alle sind draussen, alle haben was vor, alle haben einen Ort, wo sie  sein müssen, wo jemand auf sie wartet, alle trinken und reden und tanzen und haben Sex und sind verliebt. Sie leben alle das Leben, das ich früher hatte, nur ich bin raus, es ist nicht mehr zugänglich für mich, das Schweben auf den weichen Flügeln der Nacht, die kurze Pause von meinem eigenen, hocheffizienten, transparenten Geist. Ich bin ausgenommen von all dem, ich bin für irgendein Ereignis zurecht gemacht, dass es nicht mehr gibt.

All diese Freuden sind für mich nicht mehr zu haben, das süße Vergessen, Sommerrausch, Schwindel. Ich habe die Eier nicht mehr, aufregende Dinge zu tun, ich habe Angst vor allem. Angst vor Sex, Angst davor, den Typen zu küssen, den ich küssen will, Angst davor, darüber nachzudenken, dass ich vielleicht einen anderen Job will. Angst davor, was passieren wird, wenn ich springe. Alles, was mich interessiert, alles, was mir Angst macht, meide ich seit Monaten. Ich beschütze mich selbst wie ein frisch geschlüpftes Küken, schirme mich ab vor allem, was auch nur annähernd nach Risiko aussieht und ich beginne, langsam unter meiner Schutzschicht zu versteinern.

Ich folge der Strasse immer geradeaus und komme zum Crossroads. Eine Bar in meinem alten Kiez, in der ich früher oft mit dem Russen war. Es ist eine wunderbare Bar, genau, wie sie sein muss, schlichtes Interior ohne Schnickschnack, nichts lenkt vom eigentlichen Zweck ab. Warmes Licht, Holzvertäfelung und eine riesige Sammlung geheimnisvoll im Zwielicht glänzender Flaschen in Regalen bis unter die Decke. Ich gehe straight in die Bar rein. Ich war seit mindestens zwei Jahren nicht mehr hier, aber der Barkeeper erkennt mich trotzdem noch und begrüßt mich lässig. Ich erinnere mich an seinen Namen, Thino. Ich lehne mich mit den Ellenbogen in das weiche Tresenholz, und gucke ihm zu, wie er seinen Job macht, Gläser klirren, Eiswürfel klimpern, Limetten duften nach Sommer. Wie ich diesen Job mal geliebt habe.

Ich denke: Was soll das denn eigentlich alles. Was ist denn das für eine bescheuerte Idee gewesen, radikale Abstinenz, ich nehme das alles viiiel zu ernst. Wenn ich mir jetzt einen Drink bestellen würde, dann hätte ich endlich eine Pause von all dem. Und ich müsste mich mit diesem ganzen, selbst herbeiphantasierten Rotz nicht mehr beschäftigen. Ich könnte einfach mal kurz aus mir raus, einfach mal den Kopf abstellen, die Angst töten, die mich langsam bewegungsunfähig macht. Ich müsste nicht mehr diesem lächerlichen, amerikanisierten Selbstoptimierungs-Unsinn nachgehen, sondern könnte leben, wie es für Leute wie mich vorgesehen ist, hier, in der Alten Welt: Mich verschwenden, mit großer Geste trudelnd untergehen, seufzend verglühen. Wenn ich mir jetzt einen Drink bestelle, dann kann ich wieder ich selbst sein. Sinnlich und exzessiv und melodramatisch und mutig und halsbrecherisch und aufregend und geheimnisvoll. Würde ich noch trinken, ich hätte ihn schon hundert mal geküsst.

(Ich hätte ihm auch schon hundert verworrene nächtliche Textnachrichten geschickt, aber das wird mir erst später klar).

Ich würde gerne heulen und einen exhaltierten Weltschmerz-Anfall kriegen, aber auch das steht mir nicht mehr zur Verfügung, auch dafür bin ich zu kühl im Kopf. Ich überlege, welchen Drink ich bestellen könnte. Gin Tonic, kein Zweifel. Was soll man sonst bestellen in einer 26°–Nacht. Ich stelle mir vor, wie er riechen und schmecken würde. Die Entspannung, die er bringen würde. Wie er mich von innen nach außen auftauen würde.

Und die ganze Zeit, während ich da stehe und warte, bis Thino seine Margaritas fertig gemixt hat, weiß ich im Grunde, dass ich nichts trinken werde. Trinken ist, auch wenn ich versuche, mir das Gegenteil einzureden, einfach keine Option mehr.

Mir fällt später diese fantastische Szene aus der letzten Staffel »Girls« ein, in der Jemima Kirke von Adam Driver verlassen wird und, geblendet von Schmerz und Verzweiflung, in eine Bar geht und ein »Seltzer« bestellt. Und, weil sie offenbar in diesem Moment nicht mal daran denkt, Alkohol zu trinken, stattdessen den nächstbesten Typen mit aufs Klo nimmt, den sie dann aber auch nicht durchziehen kann, weil sie sich leider die ganze Zeit daran erinnert, wer sie wirklich ist und was sie wirklich will. Sie ist unfähig, sich selbst so tief sinken zu lassen. Also vögelt sie den Fremden in der Bartoilette nicht, geht stattdessen nach hause, weint und nimmt ne Dusche.

Ich mache es genauso. Ich bestelle ein großes Mineralwasser mit Zitrone und Eis und exe es. Ich rauche eine. Und dann noch eine. Und dann nehme ich Mat eine zehn Minuten lange Sprachnachricht auf.

Ich kann keinen Drink bestellen, ich bin schon viel zu weit weg davon. Ich weiß es, und es trägt zu meiner Wut bei. Alle, die mich kennen, wissen alles. Und wildfremde Leute wissen auch alles. Ich bekomme lange Emails von Leuten, denen das, was ich schreibe, offenbar wichtig ist. Und ein paar Menschen wären besorgt, wenn ich nicht mehr in meinem Meeting auftauchen würde. Ganz abgesehen davon, dass ich dort Verpflichtungen habe, die mich binden. Ich habe im Laufe des letzten Jahres ein ziemlich solides Sicherheitsnetz für mich selbst gespannt. Ich habe meine innere Überzeugung in der Welt manifestiert. Wenn ich jetzt trinken würde, müsste ich zu vielen Leuten zu viel erklären. Es lohnt sich einfach nicht.

Eine ebenfalls nicht-mehr-trinkende Freundin hat neulich in diesem Zusammenhang von »Selbstloyalität« gesprochen. Der besten Version von sich selbst gegenüber loyal sein. Das ist natürlich manchmal tricky, diese Frage: was ist mein wahres Selbst? Aber in diesem speziellen Fall ist die Antwort lächerlich einfach: Mein wahres Selbst ist immer die Version ohne die bewusstseinsverändernde Substanz im Kopf. Die weiß, wo’s lang geht. Auch jetzt, in einem Moment, in dem ich mir nur wünsche, die Kontrolle zu verlieren. Auch jetzt, in einem Moment, in dem die Tatsache, dass ich das Richtige tue, mir massiv auf den Sack geht und ich mir nur noch wünsche, alles in den Wind zu schlagen und verantwortungslos zu sein wie ein Teenager. Ich weiß, das wäre ja keine echte Wildheit, wenn ich jetzt trinken würde. Echte Wildheit ist, den Typen nüchtern zu küssen.

 


Titelbild: Collage aus Fotos von © Craig Whitehead, Drew Murphy