Küsse

Die Leute sagen ständig: Wenn man aufhört zu trinken brechen plötzlich all diese Gefühle über einen herein. Man muss plötzlich umgehen lernen, mit so viel EMOTION. Nicht bei mir, nein, keine Spur. Ich fühle stattdessen gar nichts mehr. Ich bin wie unter Wasser, kein Geräusch dringt an meine Ohren, alles schwebt widerstandslos im Lauwarm, ich bin emotional runterreguliert wie eine Figur aus Schöne Neue Welt.

Der Rausch der frühen Nüchternheit lässt nach. Alltag setzt ein. Alles beginnt sich normal anzufühlen. Es gefällt mir nicht. Ich bin unruhig, ich brauche Strom. Ich vermisse den Exzess. Ich vermisse das künstliche High, sogar das künstliche Low. Ich vermisse es, nicht zu denken, ich vermisse dumm sein. Ich bin so schlau, dauernd so verdammt schlau, und ich hab die Ruhe weg und alles ist unter Kontrolle, es kotzt mich an.

Jetzt ist es vorbei mit den Drinks, vorbei mit künstlich erzeugter Lust, vorbei mit künstlich erzeugten Dramen, vorbei mit künstlich erzeugter Anziehung. Und ich betrachte alle Männer, die mir begegnen, mit einem völlig klaren Kopf. Surprise, es macht die Sache nicht einfacher. Ich sehne mich verzweifelt nach einem Kick, ich sehne mich danach, verknallt zu sein. Nicht, um eine Beziehung anzufangen, einfach nur, um weiche Knie zu haben, um euphorisch zu sein, um nachts berauscht nach hause zu fahren, um nicht aufhören zu können, zu lächeln.

Ich habe ein Date mit einem Belgier, der auf eine gute Art seltsam aussieht. Blonde Locken im Wikinger-Style, schläfrige blaue Augen. Wir treffen uns in Mitte und gehen was trinken. Was universal-Sprache ist für: wir gehen Alkohol trinken. Ich trinke jetzt bei Dates meistens Tonic Wasser mit Zitrone, weil das wie ein richtiger Drink aussieht, und ich immer ein bisschen hoffe, dass mein Gegenüber irgendwann vergisst, dass mein Pegel nicht mit seinem mitsteigt. Der Belgier bestellt Gin Tonic und es überkommt mich kurz eine kleine Wehmut. Gin Tonic, der König der Longdrinks. Wenn ich in einen hellblauen Himmel schaue, denke ich manchmal immer noch: Bombay-Sapphire-blau.

Ich verstehe mich gut mit dem Belgier. Er ist easy going, er ist einer dieser routinierten Endlos-Dater. Einer, der seit Jahren Dates hat, ohne Ziel und ohne die Intention, an irgendeinem Punkt damit aufzuhören. Er hat keine Dates, um sich zu verlieben, er hat Dates, um Dates zu haben. Es ist sein Lifestyle. Das Reden ist gut mit solchen Typen, es ist lustig und unkompliziert, ich erzähle ihm alles über die Gründe, warum ich nicht trinke und er findet das total okay und wir reden über das Daten an sich und über unsere Jobs und natürlich über den Berliner Wohnungsmarkt und wie schrecklich die Zustände diesbezüglich sind und wie viel schlimmer alles in der Zukunft noch werden wird. Wir laufen ein bisschen durch die abendlichen Strassen und erzählen einander von unseren ersten Malen. Ich entscheide, dass er definitiv ein Typ ist, mit dem ich Sex haben könnte.

Irgendwann küsst er mich und ich habe nichts dagegen einzuwenden. Natürlich ist das Küssen mit Leuten, mit denen dich keine Geschichte verbindet außer ein Tinder Match nichts, was einem weiche Knie macht, aber es ist eine unterhaltsame Beschäftigung für einen Samstagabend. Wir knutschen auf der Strasse rum und er hatte drei Gin Tonics und ein Bier (wann hört man eigentlich auf, die Drinks von anderen Leuten mitzuzählen?) und ich hatte ein paar Tonic Water mit Eis und Zitrone. Er sagt: »Come home with me.«

Es ist so einfach. Es ist so unerträglich einfach, Sex zu kriegen, dass es zum Verrücktwerden ist. Kann man mich nicht einfach mal ein bisschen jagen lassen? Kann man mir nicht wenigstens eine Spur Unsicherheit lassen, ob ich ihn kriegen kann oder nicht? Und warum hat mich das früher eigentlich nie gestört?

Ich war in den letzten 15 Jahren praktisch immer betrunken, wenn ich das erste Mal mit jemandem Sex hatte. Betrunken, wild und verwegen. Betrunken bin ich zu allem bereit, weil: mein Kopf redet mir nicht rein mit nervigen Bedenken und lästigen Zweifeln. Der Irrsinn der körperlichen Intimität mit einem praktisch Fremden erscheint weniger lebensbedrohlich, und wenn es doch ein bisschen zu verrückt wird, jemand anderen so nah an mich ran zu lassen, habe ich immer noch mein Sicherheitsnetz, meinen weichen, warmen Sicherheitsnebel, der es mir erlaubt, wie in einem Zaubertrick in ihm zu verschwinden, für den Fall, dass ich die Nacktheit nicht mehr aushalte. Angetrunken ist Sex (im besten Fall) wie ein Videoclip zu einem guten Electro Song; schnelle Schnitte auf den Beats, ein Pochen in den Ohren, Atemlosigkeit, schummrige Beleuchtung, Weichzeichner, Realitätsfetzen. Ohne Drinks ist Sex (im schlimmsten Fall) wie ein Dokumentarfilm. Abläufe in Echtzeit, gut ausgeleuchtet und scharf gestellt und alles, was passiert, wird von einer sachlichen Stimme aus dem Off kommentiert. Es ist die Hölle. Ich nehme jedes Detail wahr, ich weiß genau, wo meine Hände sind, wo meine Lippen sind, was wir machen, wo mein Körper endet und seiner anfängt und wo das alles hinführen wird.

Der Belgier ist gut drauf. Er zieht mich in einer halben Umarmung mit sich mit, den Weinbergsweg runter (wie ironisch, denkt mein Hirn), plappert irgendwas, knutscht mich zwischendurch ab, ich beneide ihn so sehr um seinen Rausch. Ich fühle gar nichts. Küssen ist: Ein Stück Fleisch und noch ein Stück Fleisch. Objektiv betrachtet ist Knutschen eine völlig unverständliche Aktivität, geradezu bizarr. Ohne Alkohol kommt mein wahres Wesen zum Vorschein: Ich bin nur äußerlich ein Mensch. In Wirklichkeit bin ich eine Vulkanierin.

Ich gehe nicht home with him. Ich sage: »Wir können ja morgen vielleicht schwimmen gehen.« Ich springe aufs Fahrrad und bin weg. Zuhause nehme ich Mat eine sechsminütige, frustriert-verzweifelte Sprachnachricht auf, Tenor: Es ist Samstagnacht und ich kann nicht mehr ficken. Dann gehe ich schlafen.

Am nächsten Tag verabrede ich mich tatsächlich mit dem Belgier zum Schwimmen. Ich bin interessiert daran, das Spiel mal im Tageslicht zu spielen. Wir liegen in der Sonne am See rum und trinken Club Mate. Neunzehnjährige Jungs mit erschreckend heißen Oberkörpern spielen Achziger-Jahre-Mucke. Hippiemädchen sonnen sich oben ohne. Da der Belgier diesmal auch nüchtern ist, gibt es keine Chance mehr, dass sein High uns beide trägt. Und es ist nicht nur nüchtern, sondern auch ernüchternd. Er erklärt mir, die Gender Pay Gap sei doch eigentlich bloß eine Erfindung radikaler Feministinnen und diese Vegetarier sollen ihm wirklich mal erklären, warum denn der Mensch mit so scharfen Schneidezähnen ausgestattet sei, wenn nicht einzig und allein, um damit Tiere  zu zerkauen. Ich sinniere wieder mal über die himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass Männer, die dumme Sachen sagen, ihre sexuelle Anziehungskraft auf mich verlieren, während Männer, die schlaue Sachen sagen, nicht im gleichen Maß an Anziehungskraft gewinnen. Sapiosexuell my ass. Das bisschen Vibe von gestern Nacht ist endgültig tot, ich weiß: das wird nichts mit dem Belgier. Sexlos, aber zumindest sonnensatt, fahre ich nach hause.

Ein paar Tage später nach der Arbeit treffe ich zufällig Luca auf der Straße. Weil wir beide nichts besseres zu tun haben, gehen wir ein bisschen spazieren. Luca ist auch nüchtern, aber – obwohl er ein bisschen jünger ist – schon deutlich länger als ich. Er war einer der ersten nüchternen Menschen, die ich kennengelernt habe. Ich mag es, mit ihm über das Nichttrinken zu reden. Er ist ein Typ, der schön ist, ohne diese arrogante Selbstsicherheit  auszustrahlen, die mich normalerweise verliebt macht. Er ist total neurotisch, aber das scheint ihm völlig egal zu sein. Er redet über all seine Unsicherheiten und düsteren Gedanken und seine Ängste und seine Pollenallergie, als ob es ihn null kümmert, was coole Typen cool finden sollten.

Es wird gerade dunkel und es ist unerträglich schwül und das Gewitter, das sich schon seit Stunden zusammenbraut, will und will nicht ausbrechen. Wir setzen uns in einen Straßenimbiss, bestellen Burger (ich esse neuerdings wieder manchmal Fleisch; keine Ahnung, was es damit auf sich hat) und reden über polyamore Beziehungen und Co-Abhängigkeit und über unsere Familien. Luca trägt heute ein geschmacklich grenzwertiges Pornodarsteller-Outfit – Muskelshirt und Fliegerbrille – und sieht aus wie ein Mitglied eines drittklassigen südamerikanischen Drogenkartells. Die Fenster hinter ihm sind weit zur Strasse raus geöffnet. Und endlich kommt der Regen. Er donnert hinter Luca auf die Strasse wie ein schon lange überfälliger Streit. Luca sagt, ich soll seine Pommes auch noch nehmen, denn er hätte ein Problem damit, Essen weg zu werfen. Er ist wirklich entzückend. Mit diesen Oberarmen kann er sich auch ein Pornodarsteller-Outfit leisten, denkt mein Hirn. Heute ist irgendwas los. Das Gewitter brüllt und tobt sich aus, während wir hier drinnen in der kleinen orangenen Imbiss-Oase Süßkartoffelpommes picken und plötzlich zu dünn angezogen sind. Während er redet nimmt er beiläufig meine Hand und streift einen seiner schwarzen Ringe über meinen Finger. Ich komme nicht dahinter. Er hat einfach keine Schutzschicht, vielleicht ist es das. Menschen ohne Fassade haben oft etwas entwaffnendes an sich. Vielleicht ist es einfach nur diese geheimnisvolle, subtile Machtgewichtung, die im Moment zu meinen Gunsten ausfällt, weil ich von jemand anderem besessen bin und mich deswegen ohne Sorge an seinen tollen Armen weiden kann.

Der Regen verzieht sich so unvermittelt wie er gekommen ist und hinterlässt den Geruch nach feuchtwarmem Asphalt und tanzende Neonlichter, die sich in den nassen Straßen spiegeln. Ich bringe Luca zu seiner Tramstation. Ich habe ein schwarzes Sommerkleid mit Wasserfall-Ausschnitt an, und Unterwäsche, die meine Rippen und meine Schlüsselbeine mehr betont als mein Dekolleté. Das einzige, was mich wärmt, ist meine dünne Goldkette. An der Ampel muss ich geradeaus, und er sagt, er muss links, und wir umarmen uns, bye-bye, und aus dem Nichts heraus küsst er mich knapp neben den linken Mundwinkel und während mein überraschtes Hirn noch mit quietschenden Reifen zum Stillstand kommt, zieht er mein Gesicht mit beiden Händen zu sich und küsst mich richtig.

Wir drücken uns atemlos aneinander und meine Zähne streifen seinen Hals und als ich die Augen öffne und über seine Schulter gucke, steht direkt hinter ihm ein schmieriger Typ mit Gel in den Haaren und guckt mich lüstern grinsend an. Ich lächle ihm zu wie eine Schlampe und mache dann die Augen wieder zu, kralle meine Finger in Lucas Nacken und kapiere nichts mehr. Wir wissen beide nicht so richtig, was passiert, deswegen küssen wir uns nochmal, mein Fahrrad zwischen uns drückt sich gegen mein Becken und mein Hirn ist komplett überfordert, ich denke, scheiße, das fühlt sich gut an, und aber, fuck, was geht hier eigentlich ab?!

Der Kuss ist roh und klar und aufregend.

Und dauert ungefähr zwanzig Sekunden. Und dann wird die Ampel grün und weil mir echt nichts besseres einfällt, springe ich auf mein Fahrrad und fahre einfach los, ohne mich nochmal umzudrehen. Ich rase den ganzen Weg nach hause auf der nassen Straße ohne Licht, habe eine Gänsehaut ohne zu frieren und das Blut rauscht in meinem Kopf. Ich fühle mich sehr lebendig.