Er ist der Drink

I’ve been drinking, I’ve been drinking /// I get filthy when that liquor get into me /// I‘ve been thinking, I‘ve been thinking /// Why can‘t I keep my fingers off you, baby? —Beyoncé

Bei AA sagen sie dir, du solltest ein Jahr lang keine romantischen Beziehungen eingehen, nachdem du nüchtern geworden bist. Ein guter Rat, den niemand befolgt. So ziemlich das erste, was du machst, wenn du aufhörst, dich mit Drinks zu betäuben, ist nach neuen Wegen zu suchen, dich zu betäuben. Und genau hier erscheint der Brasilianer.

Der Brasilianer ist der Typ, der mich zuverlässig vernichtet. Ich kenne ihn schon lange. Er ist die Sorte nicht-zu-habender Mann, der in immer wechselnden Inkarnationen in meinem Leben auftaucht, wenn ich mich gerade ein bisschen zu selbstsicher fühle.

Als ich ihn das erste Mal sehe, denke ich: FUCK.

Er ist der Archetyp, der Typ, den du in jedem überfüllten Raum innerhalb von Sekunden identifizieren kannst. Alles an dem Typen ist ein Warnsignal. Er sieht gut aus, nicht zu gut, eher dunkel, immer latent wütend, ein Desperado. Er strahlt Sex aus. Er lächelt wenig. Und er hat wahrscheinlich irgendwo ein paar Narben von Stichwunden. Er trägt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Lederjacke und er erzählt dir bei der ersten Begegnung, dass er müde ist, weil er nicht geschlafen, sondern stattdessen die ganze Nacht »Rot und Schwarz« von Stendhal gelesen hat. (Das sind genau die Sachen, mit denen man mich ins Bett kriegt.)

Und natürlich bin ich auch total sein Typ. Wir haben schließlich die gleiche Störung. Er lächelt und verspricht mir alles, was ich will. Wenn ich mich auf diese Art von Typ einlasse, fängt der Wald schnell an zu brennen, wie nach einem langen, trockenen Sommer. Und es ist himmlisch, für eine sehr kurze Zeit. Der Haken ist: der Typ ist nicht echt. Er ist eine Fata Morgana. Ich kenne ihn und seinesgleichen sehr gut, ich weiß, dass diese Typen substanzlos sind, dass sie sich für nichts anderes interessieren als für ihr eigenes, zerbrechliches Ego. Dass ich sie um nichts bitten und nichts von ihnen erwarten kann. Dass sie mich exakt so lange wollen, bis ich einen Schritt auf sie zugehe.

Die Symptome seiner Unerreichbarkeit variieren. Er ist ein Womanizer. Oder er arbeitet zu viel. Oder er hat eine Freundin. Oder er hat heimlich Angst vor Frauen. Oder ein Drogenproblem. Oder ungelöste Probleme mit seiner Mutter. Oder er vögelt zwanghaft Prostituierte. Oder er findet es übergriffig, wenn du ihn nach seiner Telefonnummer fragst. Oder er beantwortet Textnachrichten immer frühestens sechs Stunden später. Oder gar nicht. Was auch immer die Symptomatik sein mag, er hat genau das gleiche Problem wie du: die alles verzehrende Angst vor echter Intimität. Und so ist schnell klar: Dieser Mann ist nicht zu haben. Von ihm wirst du niemals, NIEMALS! bekommen, was du willst.

Und, oh ja, klar: ich will ihn.

Ich will ihn mit jeder Faser meines Seins und phantasiere manisch von seiner perfekten Karamellhaut und seiner sanften, hypnotischen Stimme und von seinem Filmstarlächeln und von seinen Liebesmails. Ich bin besessen von ihm. Ich denke zwanghaft daran, wie ich Situationen manipulieren kann, damit er bestimmte Dinge denkt oder fühlt. Ich führe in Gedanken lange Gespräche mit ihm. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie ich mich selbst verändern kann, um das zu sein, was er will. Oder ich versuche, Wege zu finden, wie ich mich ändern kann, damit diese Beziehung mich nicht mehr fertig macht. Ich betreibe einen großen Aufwand, meine Bedürfnisse und Prinzipien so zu manipulieren, dass sie zu dieser abgefuckten Situation passen. Ich versuche in einer Höllenanstregung, mir selbst einzureden, es sei okay, dass er drei Tage nicht erreichbar ist, obwohl wir gestern verabredet waren. Und wenn er mich dann doch anruft, lasse ich völlig abstruse Erklärungen gelten, die es ihm unmöglich gemacht haben, ein Telefon zu benutzen. Kurz gesagt: ich bin bat shit crazy.

Merkst du was? Ja genau, die Mechanismen sind genau die gleichen wie beim Trinken. Verhandeln, kontrollieren, manipulieren, entschuldigen, rechtfertigen, Regeln beugen. Um jeden Preis versuchen, die zerstörerische Kraft, die deine Seele vergiftet, ganz nah bei dir zu behalten, und dich irgendwie mit ihr zu arrangieren, um sie nicht aufgeben zu müssen. Nur noch eine Nacht, nur noch ein kleines bisschen. Vielleicht ist es diesmal anders.

Der Brasilianer ist nicht als Person relevant, sondern als Prinzip. Er ist eine Version meines persönlichen Archetyps. Der Typ, der alle meine Knöpfe drückt, der den Code kennt, der mühelos seine Hand direkt durch meinen Brustkorb schieben und in meinen Eingeweiden herum wühlen kann. Er verwandelt mich innerhalb von Sekunden in eine zitternde Pfütze reinen Verlangens. Und es ist vollkommen egal, wie schlau, wie schön, wie erfolgreich ich bin, wie weit ich es gebracht habe, wie viel Geld ich mache, wie viel ich weiß, wie viel Shit ich in allen anderen Bereichen meines Lebens geregelt kriege; alles hängt jetzt von seinem Urteil ab, und wenn der Typ mit mir fertig ist, bin ich Asche.

(Warum das alles so krank ist und wie es so weit kommen konnte, werde ich irgendwann mal in einem Text mit dem Titel »Vaterkomplexe« behandeln.)

Wie auch immer, der Typ ist wieder da. Da ich jetzt hell erleuchtet bin und über meinem Leben schwebe wie ein fluoreszierender Ball reinen Bewusstseins widerstehe ich aber all seinen Annäherungsversuchen. Er ist der Drink. Ich muss von diesem Typ genau so die Finger lassen wie vom Alkohol.

Ich gehörte nie zu den Leuten, die Alkohol benutzten, um negative Gefühle zu eliminieren. Wenn es mir wirklich schlecht ging, trank ich nicht. Ich benutze Alkohol, um mich emotional hoch zu regulieren. Mich glücklicher, trauriger, verliebter, verzweifelter zu machen, als ich wirklich war. Die Qualität des Gefühls ist dabei irrelevant. Wichtig ist nur die Intensität. Euphorie ist gut. Verzweiflung ist genauso gut. Egal, was es ist, Hauptsache, es ist stark, am besten fast unerträglich. Ich interpretiere den überspannten Gefühlszustand als Lebendigkeit. Ich will keine Zufriedenheit. Ich will keine Harmonie, kein sanftes Dahinsegeln, ich will niemanden, der vorsichtig mit mir ist, dieser Vanille-Kram interessiert mich nicht. Ich will brennen.

Funfact: Alkohol löst sehr ähnliche biochemische Prozesse aus wie eine schöne saftige Verknalltheit. Der Cocktail besteht aus Dopamin, Serotonin und Adrenalin, um nur einige zu nennen. Kombiniert man das Trinken mit einem neurotischen, heißkalten Mann ergibt das einen unwiderstehlichen Rausch. Den man so lange wie möglich ausdehnen will, von dem man nach Möglichkeit niemals vollständig runter kommt. Konstante Gefühle von Harmonie und Sicherheit stören dabei nur. Die Basis für eine Sucht ist das Verlangen, das immer nur fast erfüllt wird.

Es ist einfach, nach etwas süchtig zu werden, dass dich immer nur fast befriedigt, dich immer nur fast sättigt, dich immer nur fast glücklich macht.

Ich habe meine romantischen Beziehungen immer in diesem Stil geführt. Ich war nie hinter jemandem her, der mich satt macht. Ich habe nie ernsthaft den Plan gehabt, »eine Familie zu gründen«. Ich wollte nie einen »Partner, der gleichzeitig mein bester Freund« ist. (Gott, wenn du mich fragst klingt das wie Inzest.) Ich wollte nie wirklich jemanden haben, ich wollte immer jemanden wollen. Deswegen ist es wichtig, dass der Typ nicht zu haben ist. Es ist der Hunger, den ich will, nicht die Nahrung.

An dem letzten Tag, den ich mit dem Brasilianer verbracht habe, der Tag nach meinem 32. Geburtstag, wusste ich schon genau, dass ich mir bei ihm einen Kick abhole, der einen Kater hinterlassen würde. Aber – genau wie beim Trinken – sprach etwas in mir die magische Formel, die traditionell jede idiotische Fehlentscheidung einleitet: Scheiß drauf.

Wir liegen auf seinem Wohnzimmerteppich und während der die Hand in meine Jeans schiebt, erzählte er mir, wir müssten ein Buch zusammen schreiben, »unser erstes Kind«. Ich versenke mich in seine Augen, die die Farbe von Lava haben und bin absolut bereit, jetzt sofort ein echtes Kind zu machen. Wir wandern durch die eiskalten, warm glänzenden, vorweihnachtlichen Straßen, er hat die Hand in meinem Nacken, er verspricht mir ALLES, und ich bin so verliebt, dass meine Haut sich anfühlt wie ein zu enges Kleid und mein Kopf wie ein Ballon voller Helium, und ich weiß: schon morgen wird er wieder vergessen, mich zurück zu rufen. Und ich werde nicht lange Cool Girl spielen können. Es fliegt irgendwann auf, dass ich meine Scheißegal-Attitude nur vortäusche. Und es wird schrecklich erniedrigend sein. Ich WEIß das alles. Und es ändert nichts. Er wirkt trotzdem.

Der Typ ist kein schlechter Typ, das muss ich vorsichtshalber sagen. Er hat seine eigenen Issues. Aber es geht hier nicht darum, dass er ein Schwein ist, das »mich einfach nicht verdient hat«, wie mitfühlende Freundinnen in solchen Situationen oft reflexartig ausrufen. Er hat mich total verdient, und ich ihn. Diese Erkenntnis musste mir ausgerechnet mein Exfreund beibringen.

Nachdem ich mir vor einigen Wochen den Kopf zerbrochen hatte über die Geschichte mit den toxischen Männern hatte ich eines Abends auf dem Fahrrad die Eingebung: Frag den Ex! Er hat sechs Jahre mit dir verbracht; wenn einer weiß, was mit dir nicht stimmt, dann der Russe.

Also rief ich den Russen an und wir setzten uns an den Späti vor seinem Haus und ich fragte ihn, warum unsere Beziehung so lange funktioniert hat, obwohl ich offenbar verrückt bin. »Was fragst du mich, du weißt solche Sachen doch immer viel besser als ich.« Das stimmt. Ich weiß immer alles besser. Ich bohrte weiter. Warum haben wir uns nie gelangweilt? Warum war in unserem Drama immer diese Stabilität? Warum hat es funktioniert, obwohl du nicht zu haben warst?

Hier unterbricht er mich und sagt: »Spinnst du, ich wollte dich von Anfang an, ich wollte dich die ganze Zeit. DU warst nicht zu haben. Und das habe ich schnell kapiert. Ich wusste, ich muss immer ein Stückchen weg gehen, und dann kommst du näher.« Ich starre ihn an. »Wie hast du das jahrelang mitgemacht?« frage ich ihn, ernsthaft schockiert. Er zuckt die Schultern. »Ich kann gut Freiheit geben.«

Merke: Wenn du dich unwiderstehlich von Menschen angezogen fühlst, die nicht zu haben sind, bedeutet das, dass DU nicht zu haben bist.

(Merke außerdem: Eine gute Beziehung mit dem Ex aufrecht zu erhalten kann sich auszahlen.)

Nach dem letzten Kater, den der Brasilianer mir verpasst hat, habe ich ihm nie mehr nachgegeben. Ich habe allerdings anderen von seiner Sorte nachgegeben. Der letzte war ein koksender DJ, der mich nach nur zwei Treffen so weit hatte, dass ich mehrere Stunden lang mit meiner armen Freundin Cleo im Dave Lombardo saß und hysterisch heulte. Nach dem Drama mit dem koksenden DJ sagte ich zu meinem Onkel (der seit ein paar Jahren nüchtern ist): Ich überlege, eine Therapie zu machen, damit ich mit meinem Männerquatsch zurande komme. »Hör erstmal auf zu trinken«, war seine Antwort. »Viele Probleme erledigen sich dann von alleine.«

Das habe ich getan. Und alles änderte sich rasend schnell. Und viele Probleme erledigten sich von alleine. Und seit kurzem höre ich wieder von dem Brasilianer, der offenbar eine neue Runde spielen will. Er schreibt unschuldigste Nachrichten, wie geht’s dir, was machst du? Aber ich bin jetzt nüchtern, und so demoralisierend die permanente geistige Klarheit auch sein kann, im Management von postpubertären Gefühlen macht man überraschend schnell Fortschritte.

Wenn er der Drink ist, muss ich ihn auch so behandeln wie den Drink. Die Symptome sind die gleichen, die Konsequenzen sind die Gleichen und die Lösungsansätze sind auch die gleichen. Ich werde also nicht aufhören, ihn zu wollen, es ist sinnlos, darauf zu warten. Aber ich muss dem Impuls jetzt nicht nachgeben. Ich weiß ja, wie das geht: Tief einatmen und ausatmen. Das Gefühl anerkennen, annehmen, sich rein lehnen in die Anspannung, sie aushalten, sie ausdehnen. Und dann, loslassen. Vorerst. Für heute.