Der Tanz

Eine Flasche Rotwein ist nichts für mich im Jahr 2016. Eine Flasche Rotwein, nebenbei zum Gespräch mit meiner besten Freundin, ist eine anständige Menge Wein, danach brauche ich nicht zwingend mehr, wenn ich danach ins Bett gehen kann. Aber wenn mehr da wäre, wäre das auch nicht direkt ein Problem. Bald werde ich auch zwei schaffen. An dem Punkt, an dem ich aufgehört habe, 2017, trank ich, allein zuhause, meistens eine Flasche und zwei Drittel einer zweiten, die am nächsten Morgen eine 0,2-Glas fassende Anstandspfütze enthielt. Keine Ahnung, was ich in den Nächten gemacht habe, in denen ich diese kleinen Weinparties mit mir selbst feierte. Ich plante meist, zu schreiben. Schreiben hatte immer sehr viel mit Wein zu tun, ich romantisierte das Trinken dadurch. Oder ich wollte zeichnen oder meine Wohnung umräumen, endete dann aber ein paar Stunden später im Bett, wo ich mir die Fingernägel lackierte und dabei Zigaretten rauchte und immer wieder die gleiche Playlist anhörte oder ich schrieb schlechte, traurige Texte in Briefform an irgendeinen realen oder eingebildeten Typen, der gerade meinen imaginären Seelenfrieden ruinierte. 

Die Kater sind brutal. Ich kenne Leute, die können nach einer Trinknacht trainieren gehen oder acht Stunden halbwegs produktiv arbeiten. Ich gehöre nicht zu diesen Leuten. Ich kaufe regelmäßig zwanziger Packungen Ibuprofen und spüle zu Tagesbeginn eine davon mit viel Wasser runter und mache mich an die Arbeit, von der ich weiß, dass ich sie nicht ansatzweise erledigen werde, quäle mich ein paar Stunden damit herum und entscheide dann, dass ich einkaufen gehen oder Wäsche waschen muss, weil das alles sowieso nichts mehr bringt und ich morgen alles nachholen werde. Ich trinke an den Katertagen nicht weiter. Ich wiederhole den Spaß immer erst, wenn ich mich halbwegs erholt habe.

Eine klassische Frage in den Alkoholproblem-Fragebögen lautet: »Haben sie jemals versucht, ihr Trinken durch Regeln zu kontrollieren?« Die Frage bezieht sich auf den Versuch des kontrollierten Trinkens, eine Phase, die fast jeder Trinkende auf dem Weg in die Abhängigkeit durchläuft.

Den Nähe-und-Distanz-Tanz mit dem Drink hatte ich schon seit Jahren getanzt. Ich versuchte seit Jahren, kontrolliert zu trinken. Und ich tanzte den Tanz auf alle Arten, die es gibt. Den ersten Versuch der Moderation gab es circa 2010, ich arbeitete damals als Barkeeperin in einer pink gestrichenen Cocktailbar in Mitte, vögelte den leidenschaftlichen Russen, den misogynen Israeli und den romantischen Italiener im Wechsel, trank samstags Wodka, Sonntags Rotwein und Donnerstags Bier und hörte Amy Winehouse in Endlosschleife. Damals kannte ich die Fragebögen noch nicht und war noch so leichtherzig mit meiner kleinen, charmanten Alkohol-Macke, dass ich es offenherzig allen erzählte und im Satire-Stil in mein Tagebuch schrieb: »Habe heute außerdem noch gar nichts getrunken, wobei ›nichts getrunken‹ heißt: Ein Glas Sekt.« Oder: »Ich habe eine neue Regel; nur noch ein Bier und einen Weißwein pro Abend. So habe ich die Hände frei für meine beiden anderen Fronten, Sex und Klamotten kaufen.«

Im Laufe der Jahre wurde mein Trinken raumgreifender und mein Bedürfnis, es zu beschränken wuchs mit. Ich experimentierte mit neuen Kontrollsystemen. Ich entdeckte zum Beispiel, dass ich, wenn ich auf dem Nachhauseweg nur eine von diesen winzigen 0,25 l Rotweinflaschen kaufte, und sie ganz langsam trank, später oft zu faul war, noch mal runter zu gehen und eine zweite zu kaufen. Oder ich trank Weißweinschorle und redete mir ein, dass ich so die Menge an Wein reduzieren würde. Eine Strategie, die ich aus einer anderen Moderationsregel abgeleitet hatte: ein Glas Wein und ein Glas Wasser im Wechsel. Nur hatte ich nicht die verdammte Geduld für das elende Wasser zwischendurch, trank also lieber beides gleichzeitig. Radler statt Bier schlug in eine ähnliche Kerbe, ich blieb aber nie lange dabei, weil ich den Geschmack von Radler hasste.

Ich legte Trinktagebücher an. Wann trank ich, mit wem, warum und wie viel? Antwort (in den meisten Fällen): Immer, wenn ich Lust dazu hatte, mit jedem, den ich kannte, aus jedem Grund, der mir einfiel und fast immer mehr als ich wollte.

Dass Reduzieren, Analysieren und Light-Drinks nicht funktionierten, kapierte ich irgendwann widerstrebend, also versuchte ich es anders: Gar nicht trinken. Für einen Abend, für eine Woche, für zwei Wochen. Wann immer ich ein Dinner mit Freunden oder eine Party ohne Drinks absolviert hatte und gegen zwei Uhr Morgens völlig klar im Kopf mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, den Wind in den Haaren und eine Reaktionszeit wie ein Pilot, machte mich das euphorisch. Es gab mir so viel Selbstvertrauen, klar zu bleiben und nein zu sagen, dass ich mir in diesen Nächten vorkam, wie eine andere, eine coolere, stärkere, reinere Version von mir selbst. Diese Momente waren mein erster, kleiner Ausblick auf die Nüchternheit. Selbstbestimmung. Stärke. Souveränität. Es war alles, was ich wollte. Es war himmlisch. Aber ganz verzichten? Nicht vorstellbar und nicht akzeptabel. Der Drink musste bleiben, koste es, was es wolle, er durfte eben nur nicht die Show übernehmen. Er sollte weiterhin mein geliebter, schmutziger, charismatischer kleiner Sidekick sein.

Nachdem mein Vater gestorben war, hörte ich für vier Wochen auf. Meine ganze, alkoholisierte Familie machte das, wir verfielen alle in eine Art Schockstarre. Die längste abstinente Phase war das bis zu diesem Zeitpunkt, Januar 2015, und ich quälte mich durch diese Zeit hindurch ohne irgendwelche Vorteile darin zu erkennen. Es ging mir nicht besser, ich nahm nicht ab, und sah auch nicht frischer aus, ich hatte einfach nur keinen Spaß mehr. Und zählte die Tage runter, bis ich zurück konnte, zurück in mein normales Leben, zurück zu meinem Engtanz mit dem Drink, der in vielen Hinsichten dem zermürbenden Spiel mit einem toxischen, unerreichbaren Mann ähnelt: Wenn du es nur schaffst, ihm glaubhaft vorzumachen, er sei dir egal, wird er dir vielleicht endlich das geben, was du brauchst.

Das kontrollierte Trinken zu versuchen kann ich jedem nur empfehlen. Nicht, weil ich glaube, dass es funktioniert (Achtung Spoiler: Es funktioniert nicht). Aber: am kontrollierten Trinken zu scheitern ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Kapitulation.

Das Problem des kontrollierten Trinkens ist dieses: Es ist ein Fake. Ein Theaterstück. Es geht immer darum, Leichtigkeit zu simulieren. Die Leichtigkeit, die andere mit dem Trinken zu haben scheinen. Wenn ich es nur schaffen würde, so mühelos zu trinken wie sie! Aufhören, wenn ich genug habe. Nicht trinken, wenn ich nicht will. Ein bisschen Wein zum Essen, ausreichend für ein kleines Summen, zu wenig für einen Kater am nächsten Tag. Dann wäre bewiesen, dass ich frei davon bin. Es würde beweisen: Ich habe kein Problem damit. Die unbegreifliche Leichtigkeit, mit der andere Leute an einer halb vollen Flasche Wein das Interesse verlieren. Wie zur Hölle machen die das?

Und hier ist die Antwort, meine Antwort nach sieben Jahren erfolglosem Tanz: Kontrolle beim Trinken ist nur möglich, wenn du dich nicht nach Kontrolle sehnst. Niemand, der moderat trinken kann, sehnt sich nach Kontrolle, wie ich mich danach gesehnt habe. Niemand, der Kontrolle über sein Trinken hat, sitzt nachts vor dem Laptop und googelt »Kontrolliertes Trinken«. Kontrolle wollen ist immer Kontrolle zurück wollen. Kontrolle ersehnen ist ein Zeichen dafür, dass du die Kontrolle nicht hast. Jeder, der die Kontrolle mit Mühe und Disziplin und Regeln und enormer Kraftanstrengung herbei führen will, ist bereits gescheitert. Und alles, was er jetzt noch tut, ist, ein fortwährendes Scheitern zu managen.

Kontrolliertes Trinken ist Arbeit. Es ist eine mühevolle, zum Heulen anstrengende, frustrierende und demoralisierende Sisyphosarbeit. Diese Arbeit ist absolut notwendig und unumgänglich. Aber was du dir hier erarbeitest ist nicht die Kontrolle über dein Trinken. Deswegen bist du nicht hier. Du bist hier, um Beweise anzuhäufen für deine eigene Machtlosigkeit. Du bist hier, weil du tausend Gründe sammeln musst, um loszulassen. Irgendwo, tief in deinen Knochen, weißt du schon lange, dass du das Spiel nicht gewinnen kannst. Du weißt es schon, seitdem du angefangen hast, die Regeln zu brechen.

Wenn du dir die Frage stellst, ob du vielleicht ein Alkoholproblem hast, versuche dies: denk an irgendwas, mit dem du definitiv kein Problem hast. Zum Beispiel Bananen. Du kannst sehr leicht herausfinden, ob du ein Bananenproblem hast. Versuche einfach, auf der nächsten Party auf Bananen zu verzichten. Oder – wenn das unzumutbar ist – iss nur eine halbe Banane. Wenn du jetzt sagst: »Na und, dann ess ich eben keine Banane, was ist denn das auch für eine seltsame Bemerkung, du Irre« – dann hast du wahrscheinlich kein Problem mit Bananen.

Drei Jahre dem Tod meines Vaters und acht Jahre nach meinen ersten Kontrollversuchen bin ich endlich fertig. Die ersten vier Wochen meiner richtigen Nüchternheit fühlten sich völlig anders an als alle bisherigen Pausen. Jetzt verliere ich überraschend schnell Gewicht. Als ob mein Körper wüsste, dass ich es diesmal ernst meine. Meine Stimmung klart auf, als hätte es den Regen nie gegeben. Und ich erlebte die berühmte rosa Wolke, das Hochgefühl der frühen Nüchternheit.

Geändert hat sich objektiv nichts. Ich habe einen ethanolfreien Körper, sonst gibt es keinen äußerlichen Unterschied zu meiner früheren abstinenten Zeit. Aber meine Perspektive hat sich verschoben, ohne dass es mir wirklich bewusst ist. Es gibt keinen Endpunkt dieser Phase mehr, den ich ungeduldig abwarte. Ich zähle keinen Countdown runter. Ich zähle jetzt nur noch hoch. In der Zukunft sehe ich keine Rückkehr zu meinem alten, schalen Leben. Ich will nicht mehr zurück dahin, ich habe wirklich genug davon, genug verwaschene Morgen voller Selbstmitleid, genug Schwere, genug Selbstverachtung. Ich habe keine Ahnung, was vor mir liegt, aber ich weiß, es muss etwas anderes sein, als das, was hinter mir liegt. Es muss, es muss einfach. Die Zeitspanne zwischen dem, was war und dem, was noch nicht ist hat, ist Nacktheit. Ich fühle mich verwundbarer und weicher als je vorher.

Ich bin plötzlich schüchtern. Ein Adjektiv, mit dem ich mich früher im Traum nicht identifiziert hätte. Mein früheres Selbst betrieb das spontane Küssen von fremden Männern in Bars als eine Art Sport. Mein früheres Selbst arbeitete die ganze Nacht in Heels. Mein früheres Selbst gab ihrem Arbeitskollegen Juan kniend hinterm Tresen einen Blowjob, während er den Leuten vor der Bar Drinks einschenkte. Jetzt ist meine Verletzbarkeit greifbar. Ich erinnere mich an ein AA-Meeting in Kreuzberg, das ich ganz am Anfang besuche; vor der Tür fragt mich ein netter junger Typ, wie lange ich schon nüchtern sei und ich sage: Acht Tage. Und ich fühle mich, als hätte ich ihm soeben intimste Details meines Seelenlebens offenbart. Und er lächelt und sagt: Wow, das ist fantastisch! und ich bin kurz davor, in Tränen auszubrechen, angesichts soviel bedingungslosen Wohlwollens eines Fremden.

In diesen nackten, hellen, ersten Tagen und Wochen habe ich, ohne es bewusst zu formulieren, die Tür hinter mir zugemacht und den Schlüssel weggeworfen. Das kontrollierte Trinken ist keine Option mehr. Ich weiß es jetzt in meinen Knochen: die Kontrolle, die ich will, es gibt sie nicht. Ich navigiere wie im Traum vorwärts, vermeide schlafwandlerisch, die Worte »nie wieder« oder »für immer« auch nur zu denken, erlaube mir keine Sekunde bewusstes Analysieren, keinen Blick zurück. Ich schwimme in diesem unbekannten Gewässer zwischen zwei Inseln, und während der Strand hinter mir langsam verschwindet, und das andere Ufer noch nicht in Sicht ist, habe ich nichts mehr, außer der Hoffnung, dass die andere Seite existiert und dass ich sie erreichen werde, bevor ich aufwache.

Wenn wir uns wandeln und in neue Versionen unserer Selbst hinein wachsen, müssen wir ein hohes Maß an Unsicherheit aushalten. — Nancy Levin

Man verliert viel, wenn man endlich die Idee der Kontrolle aufgibt. Ich hatte das Gefühl, ich verliere so viel, dass ich es nicht riskieren kann, meinen Verlust auch nur anzusehen. Man verliert eine ganze, lange Geschichte, die man sich jahrelang über sich selbst erzählt hat (zum Beispiel die Geschichte von der verwegenen Irren, die es sich leisten kann, ungefragt fremde Männer in Bars zu küssen und jedes mal damit durchzukommen). Man verliert geliebte Selbstbilder, romantische Illusionen, tröstliche Zufluchten. Aber im gleichen Moment fallen einem unerwartete Geschenke in den Schoß. Und bessere Haut und ein flacher Bauch sind nicht die teuersten.

Wenn man den Versuch des kontrollierten Trinkens aufgibt, hat man plötzlich die Hände frei. Man hat Kapazitäten. Zeit. Energie. Man muss sich keine Fragen mehr stellen. Nichts mehr planen oder managen. Man muss sich nicht mehr fortwährend zurückhalten, an beiden Enden der Leine zerren, verhandeln, streiten, lügen, Ausreden erfinden, Regeln beugen, Fehltritte entschuldigen. Man ersetzt tausend komplizierte Regeln durch eine einzige, einfache: Jetzt nichts trinken. Je öfter man dieses Ziel erreicht, desto solider wird die eigene Integrität und desto stärker wird, ironischerweise, das Gefühl von Kontrolle.

Der Tanz Dates ohne drinks