Weiße Morgen

Der Designer Rick Owens schläft in einem Bett aus weißem Marmor. Das ist vielleicht ein bisschen melodramatisch, okay, aber es ist ein Statement, dass ich zu hundert Prozent nachvollziehen kann. I feel you, Rick.

Wenn du mich fragst, was das beste am Nicht-mehr-trinken ist, kann ich ohne zu zögern sagen: die Morgen.

Sieben Uhr aufwachen. Von selber, nicht vom Wecker, sondern wirklich ausgeruht, satt vom Schlaf. Ohne Schmuck, ohne Rüstung. In einem weißen Bett, in einem weißem T-shirt, mit nichts zu bereuen, mit leerem Kopf und leerem Herzen und ohne Vergangenheit. Alles ist noch schwarz-weiß und grobkörnig. Ich schlage die Augen auf, noch schweben die Schatten meiner Träume über mir, ich bin allein und umarmt von meinem weißen Bett, ich fühle mich jung – weil, der Tag ist ja auch jung – und wie eine Disneyprinzessin, als müssten jeden Moment kleine bunte Vögelchen durchs Fenster rein flattern und mir mein Kleid anziehen.

Ich habe nicht jeden Tag getrunken. Und deswegen war auch nicht jeder Morgen der Tag danach. Doch neuerdings weiß ich: Kater dauern länger als nur einen Tag. Bis alle Gifte deinen Körper verlassen haben und du wirklich gereinigt bist, vergehen drei Tage. Und drei Tage hintereinander komplett nüchtern war ich selten. Aufwachen bedeutete oft: Aufwachen, nicht weil ich ausgeschlafen war, sondern weil der Schlaf vom Alkohol ruiniert wurde. Klebrig im Kopf, mit trockenem Mund und Schmerzen überall und dumpfem Geist und später meistens auch mit Schuldgefühlen (du wolltest das doch lassen), oder schlimmstenfalls mit der Reue über irgendeine unbedachte Textnachricht, die ich verschickt oder irgendwas haltloses, das ich zu jemandem gesagt hatte.

Schlimme Kater fühlten sich an, als würde ich mich durch Sirup bewegen, alle Sinnesempfindungen abgedämpft wie durch einen Schneeanzug. Ich habe düstere Gefühle. Mir ist grundlos heiß. Denken ist schwer und geht langsam. Alles klebt. Alles, was normalerweise auf der Schwierigkeitsskala eine drei bis fünf ist, ist verkatert eine zehn. Arbeiten. Einkaufen. Etwas organisieren. Fahrrad fahren. Ganz besonders: soziale Interaktionen.

Das erste Mal seit meiner Teenagerzeit erlebe ich jetzt diese makellose Kette von weißen, reinen Morgen. Schon wenn ich abends ins Bett gehe, freue ich mich darauf; ich freue mich schon in der Nacht auf meinen Kaffee, den ich in ein paar Stunden in meinem weißen Bett trinken werde. Schwarz, ohne Honig neuerdings, denn die Tendenz geht unweigerlich zu weniger. In jeder Hinsicht. Weniger Zeug, weniger Farbe, weniger Wörter, weniger Klamotten, weniger ja, mehr nein.

Erwachsen werden heißt Nein sagen. Willst du einen Drink? —Nein. Dieses Nein führt zu weiteren Neins.

Willst du noch ein bisschen bleiben und nüchternen Smalltalk auf dieser langweiligen Party machen? —Nein.   

Hast du Bock auf ein weiteres Date, nachdem ich dich gefickt und dann fünf Wochen nicht angerufen habe? —Nein.

Kann ich morgens um sieben nach Club stinkend zu dir kommen und meine tiefen, durch Schnaps induzierten Einsichten mit dir teilen? —Nein.

Willst du diesen niedlichen Nylonpullover in einer trendigen Farbe für 24,95 kaufen? —Nein.

Kannst du mir beim Umzug helfen? —Nein.

Brauchst du noch ein paar Ohrringe, ich miste gerade meinen Schmuck aus. —Nein.

Kannst du einem Job für 70 Euro Tagessatz machen, weil wir befreundet sind? —Nein.

Krieg ich eine dritte Chance? —Nein. 

Nein zum Überflüssigen, nein zum Massenkonsum, nein zu Schlafverzicht zugunsten der Höflichkeit. Nein zu Klamotten, die nicht 100% Kaschmir sind. Nein zu Retusche. Nein zu Lügen. Nein zu diesem weißen, billigen Brot, das in jeder Bäckerei 99% des Angebots ausmacht. Nein zu Schmuck. Definitiv Nein zu Modeschmuck. Nein zu halbherzigen Beziehungen aus Angst, allein zu sein. Nein zu allem, dessen Motivation Angst ist. Nein zu Schuhen, die Männern gefallen sollen, aber die Füße foltern. Nein zu emotionaler Kontrollierbarkeit. Nein zu Worten, die nur gesagt werden, um die Stille zu füllen. Nein zu Nylon. Nein zu Entschuldigungen. Nein zu Leuten, die dir Energie rauben. Nein zu »vielleicht«, Nein zu »eigentlich«, Nein zu »ein bisschen«. Nein zu allem, was nicht hundert Prozent Ja ist.

Absolute Kompromisslosigkeit ist fundamental, wenn man eine Sucht überwinden will. Wenn du einsteigst, erfasst sie unweigerlich alle Lebensbereiche. Was du isst, was du trägst, was du anschaust, mit wem du dich triffst, mit wem du schläfst, wie du deine Zeit verbringst.

Die ersten Wochen der Nüchternheit waren ein Rausch von Neins. Ich trug ausschließlich schwarz, schlief nur noch in weiß, sagte alles ab, was mich nicht wirklich interessierte, warf kistenweise Zeug in den Müll, entsorgte alle farbigen Kaffeetassen, riss Tapeten ab, um nackte Wände frei zu legen, kündigte überflüssige Verträge, löschte abgelegte Lover aus meinem Telefon, hörte auf, mich für die Nachrichten zu interessieren, meditierte, ging um zehn ins Bett, auch wenn es noch Arbeit zu tun gab, entsorgte zehn stumpfe Küchenmesser und behielt nur ein einziges, scharfes.

Dieser erste Schub von Neins, der entsteht, wenn du alles in deinem Leben ans Tageslicht zerrst und auf den Prüfstand stellst, wird schwächer, wenn Normalität einkehrt. Alles, was neu ist, ist irgendwann der neue Normalzustand. Und nach ein paar Monaten der Nüchternheit wird dir umso bewusster, dass die Arbeit jetzt erst losgeht. Sich selbst kennenlernen, nicht mehr lügen und nicht mehr in betäubte Zustände ausweichen, wenn etwas schwierig, langweilig oder schmerzhaft ist, ist eine Aufgabe, die das ganze Leben lang andauern wird. Und nicht alle Probleme lösen sich in Luft auf, wenn man den Rausch aufgibt. Im Gegenteil. Jedes Problem, das nicht direkt oder indirekt durch den Alkohol verursacht wurde, wird jetzt umso offensichtlicher. Wie bei Videospielen ist das: Auf jedem neuen Level begegnet dir ein neuer Endgegner.

Die gute Nachricht ist: Überraschend viele meiner Probleme wurden durch das Trinken  verursacht. Alle anderen wurden durch das Trinken verschlimmert. Trinken als Medikation ist niemals eine Lösung für irgendwas, immer nur eine kurzfristige Verzögerung. Und es raubt dir nebenbei noch alle Energie, die du brauchst, um wirkliche Verbesserungen herbei zu führen. Das gute alte Schlafen löst auch keine Probleme. Aber es versorgt dich mit Kraft. Oma hat total recht, wenn sie sagt: Schlaf eine Nacht drüber. Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. 

Ich glaube, das Leben stellt dich vor kein Problem, ohne dir gleichzeitig die Werkzeuge mitzugeben, um es zu überwinden. Und alles, was dir unüberwindbar erscheint, sieht nur so lange unüberwindbar aus, bis es hinter dir liegt. Jede von uns hat Kraftdepots, von denen sie keinen blassen Schimmer hat.

Also schlaf eine Nacht drüber. Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus.