Das Trinken anderer Leute

Vor ein paar Monaten fuhr ich im ICE von Bayern nach Berlin. In Leipzig stieg ein älterer Typ mit seinem Sohn ein. Er war die Sorte fortgeschrittener Alkoholiker, die man schon von weitem erkennt, an ihrem Körperbau, mit dem seltsamen Missverhältnis zwischen schlanken Beinen und kugelrundem Bierbauch und ihrer rotvioletten großporigen Haut um die Nase; ein Look, den die Profis sich stehen lassen, die so viel trinken, dass schon vor geraumer Zeit aufgehört haben, sich für Essen zu interessieren. Er und der leicht übergewichtige blonde Junge im Teenageralter setzen sich zu mir in den Vierer, der Junge packt seine Videospiele aus und der Vater seinen Reiseproviant, der aus einer Käsestulle und zwei großen Dosen Budweiser besteht, die er zwischen Leipzig und Berlin Spandau kippt. Ich bin gerade dabei, an meinem ersten Blogtext zu arbeiten, zu beschreiben, wie es war, einen trinkenden Vater zu haben. Die Szene an meinem ICE-Tisch wirkt in diesem Moment so inszeniert, dass sich mir die Nackenhaare sträuben.

Ich kann nicht behaupten, ich hätte keine Lust, dem Typen die Meinung zu sagen. Ich weiß, Alkohol ist eine tückische Droge, sie raubt dir die Fähigkeit, dich wie ein Erwachsener zu verhalten sehr schleichend. Und ich weiß, dass diese Menschen leiden, dass sie sich die Abhängigkeit nicht ausgesucht haben, sondern dass sie jahrelang im einem kuscheligen Klima der sozialen Akzeptanz kultiviert wurde, bis sie irgendwann, viel viel später, zum Problem wird. Ich weiß das alles, trotzdem bin ich wütend. Aber was soll ich machen, ich schlucke die Wut. Das Schlimmste, was mir passieren könnte: nach ein paar Monaten Nüchternheit zum Anti-Alkohol-Prediger zu werden. Aber scheiß drauf. Ich finde es fucking problematisch, einem Kind den Eindruck zu vermitteln, mittags, allein, ohne besonderen Anlass einen Liter Bier zu trinken sei völlig normal. Doch, absurderweise: Das ist es.

Niemand nimmt Notiz, niemand scheint irritiert. Wenn es hochgezogene Augenbrauen gegeben haben sollte, habe ich sie nicht gesehen. Mein erster Reflex ist üblicherweise Konfrontation, aufstehen, was sagen. Ich bin ein streitlustiger Mensch. Wenn es nach Tabu riecht, erst recht. Ich hätte gerne eine Debatte darüber, ich würde gerne wissen: Wie kannst du deinem Kind sowas vorleben? Aber die Frage erübrigt sich ja im gleichen Moment. Wie der Typ zum Trinker werden konnte, ist ja nicht so schwer zu verstehen, angesichts der lässigen Nonchalance, mit der man hier in nahezu jeder beliebigen Alltagssituation Alkohol konsumieren kann, eine Droge, die in Deutschland jedes Jahr fast sechzig Mal so viele Leute umbringt wie alle Opiate zusammengenommen.

Man sagt „Alkohol und Drogen“, als wären das zwei unterschiedliche Sachen. 98 Prozent der Deutschen trinken. Ein Drittel der Trinker trinkt riskant. Nahezu jeder Anlass ist ein Grund zum Trinken. Parties, Abendessen, Umzüge, Picknicks, Beförderungen, Vernissagen, Taufen, Beerdigungen, Wiedersehen mit Freunden, Familienfeiern, Feierabend, Langeweile, gute Stimmung, schlechte Stimmung, erste Dates, zweite Dates, Flugreisen, Zugfahrten, in Berlin auch mal: Busfahrten. Neulich habe ich von einer Yogaschule erfahren, die Bieryoga anbietet.

Je mehr Leute trinken, desto weniger Gründe haben die anderen, sich deswegen komisch zu fühlen. Ich kannte mal eine Frau, die nicht mehr trank, weil sie in ihrer Jugend ein Drogenproblem gehabt hatte und deren Psychologin (!) ihr riet, wieder mit dem Trinken anzufangen, um »etwas Normalität in ihrem Leben zuzulassen«.

Das Trinken wird von einer millionenschweren Lobby immer und überall offensiv propagiert. Die Industrie ist auf die gemeinschaftliche Verharmlosung angewiesen. Man kann nur dann den massenhaften Konsum einer addiktiven Substanz aufrecht erhalten, wenn der Trinker, der nicht damit zurecht kommt, als Sonderfall dargestellt wird und seine Abhängigkeit als Ausnahme. Obwohl klar ist, dass Alkohol süchtig machen kann, hat nur derjenige ein Problem mit dem Zeug, der aufhört, es zu konsumieren. Wer sich die volle Widersinnigkeit dieser gesellschaftlichen Konstruktion vor Augen halten will, ersetze doch einfach mal im nächsten Dinner-Dialog das Wort Alkohol durch das Wort Kokain.

— Möchtest du eine Linie Kokain zum Essen?

— Nein danke, ich habe aufgehört zu koksen.

— Oh, wirklich, also komplett? Das scheint ein bisschen übertrieben, ich meine, hast du denn so viel gekokst?

— Es hat mir einfach nicht gut getan.

— Ach wie schade! Nicht mal ein bisschen? Ein, zwei Linien zum Essen schaden doch nicht!

— Ich habe eigentlich immer mehr genommen als die gesundheitlich unbedenkliche Dosis.

— Das finde ich ganz toll. Ich bin da ja Gott sei dank anders. Ich kokse nicht jeden Tag, nur ein paar Mal die Woche. Und dann auch wirklich nur sehr gutes Kokain. Und nie morgens!

Die meisten Leute sagen jetzt: was für ein Quatsch, Koks ist doch viel schädlicher als Alkohol! Diese These basiert allerdings eher auf Gefühlen als auf Fakten. Und sogar wenn man Zigaretten statt Kokain in den kleinen Dialog oben einsetzt, bleibt es eine absurde Unterhaltung. Niemand wird dich ungläubig anschauen, wenn du mit dem Rauchen aufhörst, nur mit dem Alkohol soll man bitteschön zurecht kommen, so wie jeder andere auch.

Zigaretten wurden noch vor 60 Jahren ähnlich behandelt. Die Industrie hatte es damals geschafft, die Ansicht zu etablieren, Tabak sei ein Genussmittel, das, in Maßen genossen, für die meisten Menschen kein Problem darstelle. Nur einige wenige würden abhängig, wenn sie eine besondere Veranlagung hätten oder zu allgemeiner Nervosität neigten. Wenn es im Hals kratzte, war es einfach nur die falsche Marke, sagte dein Arzt:

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»Gönn deiner Kehle Urlaub, rauche eine frische Zigarette!« – Camel Werbung aus dem letzten Jahrhundert

Heute wissen wir, was für ein Quatsch das war. Nikotin macht jeden irgendwann süchtig, nicht nur die paar Idioten, die nicht damit zurecht kommen. Und wenn man aufhört, hört man einfach auf. Man hat keine besondere Schwäche und keine lebenslange Krankheit, wenn man eine Droge aufgibt, die einem schadet. Niemand, der aufhört zu koksen ist für den Rest seines Lebens ein Kokainiker, der aufgrund unerklärlicher genetischer Disposition nicht mit dem Genuss von Kokain klarkommt und deswegen jahrelang in Selbsthilfegruppen seinen Kokainismus ergründen muss. Natürlich nicht. Aber wer nicht trinken kann, ist verdächtig. Und muss sich erklären.

Du trinkst nicht und die Welt will wissen, warum. Du hast besser einen guten Grund. Schwanger sein ist gut. Noch fahren müssen ist auch gut (obwohl, dann könnte man ja wenigstens ein Bier trinken), Antibiotika nehmen ist ein akzeptabler Grund, Diät oder Detox-Unternehmungen sind auch noch halbwegs vertretbar. Religiöse Gründe hat kaum jemand mehr, aber auf irgendeinem spirituellen Yoga- oder Meditationstrip zu sein kann als Begründung unter Umständen durchgehen, weil man dann leicht in der Schublade »Freak« untergebracht werden kann, wo man niemandem gefährlich wird.

Problematisch wird es erst dann, wenn man scheinbar ganz normal ist und das Trinken einfach deswegen unterlässt, weil man sich seinen vielen Risiken nicht mehr aussetzen kann oder will. Dann findet man sich oft in einer Rolle wieder, für die man nie gecastet wurde. Welche Rolle das ist, hängt zu hundert Prozent davon ab, welche Art von Beziehung das Gegenüber mit dem Alkohol hat. Wenn die Beziehung unproblematisch ist, ist man schnell fertig damit. Trinker ohne Problem (Normies) zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich wenige Gedanken über das Trinken machen. Weder über deins, noch über ihr eigenes. Es ist irrelevant, ob du trinkst oder nicht, weil es für sie ganz normal ist, nicht zu trinken. Diese Leute sind die Ausnahme. Zumindest in meiner Welt. Weitaus wahrscheinlicher ist es, dass deine Abstinenz dich dazu verdonnert, das Trinkverhalten deines Gegenübers zu besprechen. Dann geht es in den meisten Fällen darum, den Unterschied zwischen dir und deinem Gegenüber im Protokoll festzuhalten. In englischsprachigen Sobriety-Communities nennt man das Othering (die Andersartigkeit des Alkoholikers klarstellen)

Dein Gesprächspartner sagt dann sowas wie: »Ich habe eine völlig andere Beziehung dazu als du«, »Ich trinke ja ausschließlich sehr guten Wein« oder »das kann ich mir ja gar nicht vorstellen« oder er erzählt von seinem letzten Monat ohne Alkohol, den er einmal im Jahr einlegt, um sich und der Welt zu beweisen, dass die restlichen 11 alkoholischen Monate kein Problem darstellen.

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Der sorglose Konsum von Alkohol funktioniert nur mithilfe von Othering

Der Typ gegenüber im ICE hat inzwischen die risikoarme Dosis erreicht und macht sich das zweite Bier auf. Das erste richtige. Von Zeit zu Zeit kommen Leute vorbei, die er offenbar kennt, er scheint ein Lehrer oder Professor zu sein. Studenten grüßen ihn, sie unterhalten sich auf Englisch, er ist ein routinierter Smalltalker. Die joviale Art, in der er mit seinem Sohn spricht, das polterige, raumgreifende Timbre, das man sich so gut ins Lallen abgleitend vorstellen kann, erinnert mich an die Männer aus meiner Kindheit, Männer mit Kippe in der Hand und Grappa im Glas, mit lauten Stimmen und, so scheint es dir zumindest als Kind, einem Händedruck, der Stein zermalmen könnte. Gerhard-Schröderige Typen. Diese Typen haben eine solche Präsenz, so einen behäbigen alte-Welt-Sinn für die Tatsache, dass sie und ihresgleichen, die Männer, mit denen sie Geschäfte machen, die Männer, mit denen sie trinken, der Spezies angehören, die die Welt regiert. Ich habe mal eine interessante Antwort auf die Frage gehört, warum gewisse Drogen legal sind und andere illegal: Legal sind die Drogen, die der weiße Mann des Westens schon vor 200 Jahren liebte.

Das liefert zumindest den Versuch einer Erklärung der sämtliche Gesetze der Logik sprengende Doppelmoral bezüglich der legalen Droge Alkohol. Der Pharmakologe David Nutt bestätigt: »Dass der Konsum von Alkohol und Nikotin legalisiert ist, erscheint aus wissenschaftlicher Sicht vollkommen beliebig«, und spezifiziert: »Das derzeitige System ist durch und durch krank.«

Was die persönliche Beziehung meines Sitznachbarn im ICE zum Trinken gewesen sein mag kann ich nur raten. Vielleicht war es tatsächlich eine vollkommen unschuldige, und er trinkt manchmal nur aus einer verrückten Laune heraus, ein- zweimal im Jahr ein paar Bier auf Reisen und heute war just einer diese seltenen Tage. Vielleicht trinkt er auch täglich literweise Bier und denkt sich nichts weiter dabei. Vielleicht spürt er noch keine körperlichen oder anderweitigen Beeinträchtigungen und hat sich deswegen nie um sein Trinkverhalten gesorgt. Oder vielleicht sorgt ein Teil von ihm sich ganz fürchterlich, aber ein anderer, stärkerer Teil arbeitet mit aller Kraft daran, diese Sorgen in der hintersten Ecke seines Bewusstseins unter Verschluss zu halten. Was auch immer in ihm vorgehen mag: Er weiß, dass die Welt, in der er lebt, ihn nicht behelligen wird. Die Normies denken genauso wenig über sein Trinkverhalten nach wie über ihr eigenes. Die Trinker, an denen insgeheim Sorgen nagen, werden immer froh darüber sein, wenn jemand in ihrer Gegenwart trinkt, vorzugsweise deutlich entgrenzter als sie selbst; es relativiert ihr eigenes Trinken.

Die einzigen wirklich gefährlichen Leute sind die, die den Scheiß kennen, die aufgehört haben, die auf der anderen Seite stehen. Vor denen hatte ich in meinen Trinkzeiten immer respektvolle Angst. Ich wusste, die lassen sich nicht verarschen. Der Clan der ehemaligen Profis, die ich an diesem Tag repräsentiere, schweigt. Weil sie wissen, dass sie nichts ändern können. Weil sie wissen, dass sie nicht als qualifiziert erachtet werden (weil sie ja anders sind). Weil sie wissen, dass sie ums verrecken keine Prediger sein wollen. Mein Sitznachbar nutzt die Scheuklappen aller anderen um ihn herum. Seine Strategie ist die ostentative Flucht nach vorn. Seht her, sagt sein öffentliches Trinken, ich mach was ich will, ich trinke mein Bier, und es geht mir gut damit, ich hab kein Problem damit, du etwa?