Blinde Flecken

Mit der neuen Nüchternheit ist es wie mit der Trennung von einem Mann. In der ersten Zeit, wenn der Schmerz (oder die Erleichterung) dich beherrscht, denkst du an nichts anderes. Es ist dein erster Gedanke, wenn du morgens aufwachst und der letzte, bevor du nachts einschläfst. Es ist in deinem Körper, in deinen Knochen, ein leerer Raum, ein Gravitationsfeld, das in jeden Winkel von dir ausfüllt. Es ist ein Teil von dir, und obwohl dir klar ist, dass es nicht immer so sein wird, kannst du dir die Abwesenheit des Schmerzes nicht vorstellen. Aber die Zeit tut was sie tut, sie schickt unablässig ihre Wellen an den Strand und schleift langsam die Vergangenheit ab, und dann, irgendwann, wird dir eines Nachmittags plötzlich klar: du hast heute noch nicht ein einziges Mal daran gedacht. Und auch wenn es Monate gedauert hat, bist du überrascht und irgendwie schockiert davon, wie schnell es doch vorbei ging, wo es doch gerade noch das wichtigste Thema deines Lebens war.

Im letzten Sommer, als ich aufgehört habe zu trinken, habe ich in jeder freien Minute Informationen zum Thema Nüchternheit aufgesogen, ich habe auf meinem Weg zum Atelier auf dem Fahrrad Holly und Laura vom HOME-Podcast oder den Jungs von Since Right Now zugehört, wie sie sich über das Nicht-Trinken unterhalten, ich habe alle Bücher, Blogs und Zeitungsartikel gelesen, die ich in die Finger bekam. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was innenpolitisch passiert oder was der orangefarbene Zwerg im Weißen Haus gestern Nacht getwittert hat. Ich habe alles andere bewusst ausgeblendet und nichts anderem Aufmerksamkeit geschenkt. Ich wusste, ich muss die Bedeutung dieser Entscheidung in mein Leben einweben, in mein Bewusstsein, mein Unterbewusstsein, meine Identität, damit es verfängt, ernsthaft wird, und bleibt.

Jetzt, ein halbes Jahr später, ist ein bisschen Normalität eingekehrt, ich denke beim Abendessen mit anderen Leuten erst dann ans Trinken, wenn mich mal wieder jemand fragt, ob es okay ist, wenn er was trinkt, und ich lese von Zeit zu Zeit auch mal was anderes und rede mit mir selbst und den Menschen in meiner Umgebung über andere Dinge, wie Arbeit, Kinder kriegen, Steuern zahlen, Kapitalismus, die Gefahren des Zuckerkonsums, Kindheitserlebnisse oder Sex. Als ich neulich mit meiner besten Freundin im Spa herumlag, nannte ich in irgendeine Konversation über Jungs mein Nicht-Trinken als Faktor für eine Meinungsänderung in Liebesdingen. Und sie war irritiert davon, dass ich mein Nicht-Trinken mit einem anderen Lebensbereich in Verbindung brachte. Ich merkte, dass sie es befremdlich, und auch irgendwie übertrieben fand. Und ich wunderte mich, dass selbst die Menschen, die mich am besten kennen, das Ausmaß der inneren Verschiebung nicht wahrnehmen.

Vielleicht übertreibe ich auch wirklich, wenn ich alles mit der Nüchternheit in Verbindung bringe. Aber, wie einer meiner Onkel mal sagte: Wenn man etwas richtig machen will, ist es manchmal nötig, dass man es manisch macht. Wenn man sein ganzes erwachsenes Leben lang mehr oder weniger getrunken hat, ist es unmöglich, alle Verflechtungen nachzuvollziehen, sich alle Entscheidungen ohne den Einfluss von Alkohol vorzustellen. Wie wäre mein Leben anders, wenn ich nie getrunken hätte? In welchen Dingen wäre ich schneller gewesen? Welche Beziehungen hätten nie angefangen? Welche Gewohnheiten hätte ich nicht angenommen? Für welche Unternehmungen hätte ich die Zeit gehabt? Wie viele Male hätte ich mich anders entschieden, gegen den Typ, gegen den Job, gegen diese eine Nacht, die alles veränderte? Und was wäre stattdessen geschehen? Und wie hat das, was durch den Alkohol passiert ist, die Person geschaffen, die ich jetzt bin? Wer wäre ich ohne diese Geschichte? Welche Teile meiner Vergangenheit waren künstlich, welche waren wirklich Ich?

Vielleicht könnte mich das fertig machen, über sowas nachzudenken, aber das tut es nicht. Ich glaube, dass alles genau so passiert, wie es eben passieren soll. Trotzdem: Es gibt einen Teil in mir, der gern alles ordentlich auseinander sortieren würde: Die Erfahrungen, die der Alkohol gebracht hat,  auf die eine Seite, und die, die auch ohne passiert wären auf die andere.

Mit den Liebesbeziehungen ist das besonders schwer. Sex, Leidenschaft und Alkohol waren immer so dicht verwoben, dass ich das Gefühl habe, die Nüchternheit hat mich in Liebesdingen zurück auf Null gebracht. Hätte ich auch nur eine einzige von meinen Beziehungen vor einem nüchternen Hintergrund geführt? Ohne Rotwein hätte ich sicher nicht den gesamten Herbst und Winter 2004 mit Paloma in der Kinobar des Tacheles herum gehangen, wo ich Heiner traf. Und ich hätte ihm ohne Wein nicht drei Monate später gesagt ich sei verliebt in ihn. Und ich hätte ohne Wodka RedBull ganz bestimmt nicht zwei Jahre später mit seinem besten Freund geschlafen. Ohne Whiskey wäre ich im August 2008 sicher nicht todesmutig zu dem Russen rübergegangen mit den Worten Ich will  jetzt sofort Sex mit dir. (Seine Antwort: Da wo ich herkomme, trinkt man erst mal einen Wodka) Diese Nacht wurde zu sechs Jahren mit ihm. Ohne Whiskey hätte es diese Nacht nie gegeben.

Ich weiß, das Leben ist für uns alle unkontrollierbar, und es sind hundert winzige Zufällen nötig, um eine erste Begegnung zu schaffen. Aber in all diesen Situationen, in denen ich, wissend oder unwissend, mein Leben umgelenkt habe, in denen ich die Handelnde war, in denen mein künstlich verändertes Bewusstsein Entscheidungen getroffen hat: wie integriere ich das alles in meine Geschichte?

Es geht bei mir nicht um Versöhnung; ich bin froh über all die Dinge, die passiert sind. Ich würde sie nicht anders machen wollen. (Außerdem sind die meisten davon wirklich gute Partygeschichten) Aber: Ich würde sie wahrscheinlich anders machen. Wie funktioniert eine romantische Beziehung ohne übertrieben dramatische, betrunkene Gesten? Interessiert mich das alles überhaupt noch? Was, wenn ich immer den Verliebtheits-Rausch mit dem Rausch-Rausch verwechselt habe, weil die beiden so schrecklich eng zusammen hingen? Könnte eine Affaire meine wieder-Einstiegsdroge sein? Was ist, wenn beim nächsten romantischen Kick all diese gefährlichen, guten Gefühle, inklusive Lust und Gefahr und kompromisslosem scheiß-drauf  wieder zurück kommen?

Und: was, wenn nicht?