Rausch

Letzte Woche war mein erstes halbes Jahr ohne Alkohol rum. Ein ganzer Herbst, fast ein ganzer Winter, inklusive Geburtstag, Weihnachten, Silvester und zahlloser, romantischer Kaminfeuer-Momente, die den „Genuss“ von Rotwein implizieren. Ironischerweise war das auch die Woche, in der ich das erste Mal wieder Alkohol kaufte: Der Franzose hatte Geburtstag und ich besorgte eine Flasche Rotwein, die ich übers Wochenende bei mir zuhause für ihn deponierte. Oft bringt das die Leute nahe an den Herzstillstand: Du kannst doch keinen Alkohol zu hause haben! Was ist wenn …?!

Ja, wenn … was? Der Späti, in dem es 24/7 alles zu kaufen gibt, was das Alkoholikerherz begehrt, ist für mich in unter zwei Minuten zu erreichen. Es macht keinen Unterschied für mich, ob die Weinflaschen dort stehen oder in meiner Speisekammer. Ich brauche ein paar mehr Dinge für meine Abstinenz als die bloße Nichtanwesenheit von Wein. Denn wenn ich nicht in der Gegenwart von Wein sein könnte, um nüchern zu bleiben, müsste ich all meine sozialen Bindungen aufgeben, die Stadt verlassen und in einer Hütte in den Bergen leben.

Ich mache ein spaßgefülltes Geburtstagswochenende mit dem Franzosen: Theater, Kino, Museum, tolle Restaurants und auch: Party. Wir gehen samstagabend mit Freunden in einen sehr lauten, sehr exzessiven Technoclub. Kokain und MDMA sind überaus angesagt hier. Die Toiletten sind überfüllt, werden jedoch relativ selten zum Pinkeln genutzt. Ich habe leichte Sorge, dass ich keinen Spaß haben werde, weil ich nicht trinke. Nicht trinken auf einer Beerdigung und nicht trinken in einem Technoclub sind die beiden letzten Punkte auf meiner nüchtern-to-do-Liste. Sex und Drogen sind schließlich der Grund für Parties, oder was?

Ich habe mir im Vorfeld ziemlich viele Gedanken darüber gemacht, ob ich theoretisch andere Drogen konsumieren könnte und diverse Artikel in meinen Sobriety-Blogs darüber gelesen. Muss ich für den Rest meines Lebens auf jede Form von Bewusstseinsveränderung verzichten? Besonders attraktiv finde ich den Gedanken nicht. Kann ich mein Risotto noch mit Weißwein kochen? Kann ich noch Ibuprofen nehmen? Kann ich noch alkoholfreies Bier trinken? Und, kontrovers as fuck: Kann ich noch Partydrogen nehmen?

Die Antwort ist, wie praktisch alle ernst zu nehmenden Antworten auf alle ernst zu nehmenden Fragen: es kommt drauf an. Viele Leute sind der Meinung, man sei „nicht wirklich nüchtern“, wenn man noch Marihuana raucht oder Antidepressiva nimmt, und ich kann dem nicht widersprechen. Andererseits geht es ja mir allein um das Trinken, mein Trinken. Keine andere Substanz hat mich je so verführt wie der Wein, keine andere Substanz (oder Aktivität) hat in meinem Leben je so viel zerstörerisches Potenzial entfaltet. Bei allem anderen war das Motto immer: I can take it or leave it. Die Frage, ob ich mir ein Leben ohne Risotto, Zigaretten, Ibuprofen oder Kokain vorstellen kann, kommt mir gar nicht erst in den Sinn. Der Konsum ist also: selten und außergewöhnlich, wie etwa Achterbahn fahren oder Hummer essen. Meine Beziehung zu psychotropen Substanzen ist wie bei allen anderen Menschen sehr vielschichtig. Und, das ist auch wichtig: jede Beziehung ist wandelbar, muss also regelmäßig neu hinterfragt werden (Auf eine Sucht trifft das natürlich nicht zu; ich weiß, dass meine Beziehung zum Alkohol sich nie  wieder verändern wird: dieser Zug ist abgefahren).

Ich reflektiere also ein wenig meine Beziehungen mit den psychoaktiven Substanzen, die so auf dem Buffet liegen:

—Koffein: Ich bin zweifellos sowohl körperlich als auch psychisch abhängig von Kaffee. Ich kriege ziemlich starke Kopfschmerzen und schlechte Laune, wenn ich darauf verzichte. Und ich verzichte praktisch nie.

—Nikotin: Ich rauche normalerweise unter 5 Zigaretten täglich und empfinde das Rauchen bis ca 16 Uhr als absolut ekelhaft. Aus irgendeinem Grund denke ich trotzdem: nicht rauchen wäre für mich zehnmal so schwer wie nicht trinken. Halte es für sehr wahrscheinlich, dass ich irgendwann aufhören werde, empfinde aber derzeit kein Bedürfnis, aufzuhören.

—Cannabis: Macht mich leider nicht mehr albern, poetisch und verfressen wie früher, sondern nur noch paranoid. Ich wünschte seit Jahren, ich wäre noch in der Lage, Gras zu rauchen, eine, wie ich finde, perfekte Droge, mit angenehmer, friedfertig stimmender Love-and-Peace-Wirkung auf das Gemüt und – verglichen mit Alkohol – lächerlichen Nebenwirkungen. Doch ich bin irgendwann aus dem Kiffen hinaus gewachsen, und gehe nicht davon aus, je wieder hinein zu wachsen.

—LSD, Pilze und andere Psychedelika: Ich bin froh über meine Erfahrungen als Teenager. Ich hatte etwa fünf oder sechs Pilztrips und keiner davon war schlecht. Trotzdem bin ich für den Rest meines Lebens fertig mit dieser Kategorie Droge; aus Respekt vor deren seelischer Macht.

—Koks, Speed, MDMA: Auf einer rauschenden Party macht es eine Nacht lang Spaß, dann ist für die nächsten 12 Monate mein Bedarf gedeckt.

—Ketamin, Crack, Meth: Kategorie Drogen für Dummies; würde ich im Traum nicht anfassen und verstehe auch niemanden, der das will.

—Opium: Habe ich vor ungefähr zehn Jahren mal probiert und hatte große, sehr romantische Erwartungen, die Opiumhöhlen, orientalische Teppiche und sehr langsamen Sex beinhalteten. Ich wurde sehr enttäuscht; ein Kopf wie in Watte gepackt und ein Zustand universellen Egal-seins, was definitiv nicht meiner Idee von Spaß entspricht.

—Heroin: Hebe ich mir auf für das Jahr 2071, wenn ich mich mit irgendeinem Krebs im Endstadium herumschlage, meine Rest-Lebenszeit überschaubar und eine kleine Heroinabhängigkeit das kleinste meiner Probleme sein wird.

Jetzt also Kokain. Eine sehr berechenbare Droge, Wirkdauer: kurz; Wirkthema: Ich bin so cool, ich bin so sexy, ich bin so der Boss und ich kann total gut tanzen und wer bist du? Das widersinnige am Koks ist, dass du dich mit dem Zeug im Kopf klarer fühlst als ohne, und das als sehr sehr angenehm empfindest. Du hast das Gefühl, dein Geist ist eine harte, glatte, kühle, scharfe Klinge und Saufen passt da nicht wirklich ins Bild, der herumstolpernde, bierselige Laller wirkt vom Thron Koks aus betrachtet noch wesentlich unattraktiver als sonst.

Koks ist eine Droge, die ich als relativ gefahrenarm einstufe, weil sie mich nicht überschwänglich macht und ich keine Sorge habe, dass ich unter ihrem Einfluss die Idee entwickeln könnte, zu trinken. MDMA wäre da schon gefährlicher gewesen: Eine Glücksdroge, die mich vielleicht so liebestoll machen würde, dass ich, blind für alles Schlechte in der Welt und unfähig zu misstrauen, d‘accord mit absolut allem und jedem wäre, also auch mit irgendeinem Drink, den mir einer meiner neuen besten Freunde an irgendeinem Punkt des Abends in die Hand drücken würde.

Ich habe also eine homöopathische Dosis Koks intus, bin sehr erfrischt, das Set auf unserer Tanzfläche ist super, genau mein Ding, das Tanzen macht sehr Spaß, die Leute sind alle relaxt und nett und lächeln und obwohl es rappelvoll ist wie in einem Bienenstock wird man von weniger Leuten angerempelt als morgens in der Ubahn. Ich entdecke, dass Sex und Drinks nicht der alleinige Grund für Parties sind: Die Musik ist wirklich gut. Ich muss wegen dem ganzen Mineralwasser ständig aufs Klo, was nervt, vor allem, weil die Schlange endlos ist und anscheinend sehr wenige Leute wirklich auf die Toilette gehen um zu pinkeln. Ein junger Typ fängt an mit mir zu reden und fragt mich jetzt schon zum dritten Mal, ob ich keinen Alkohol trinke und ich sage, nein, niemals. Und er sagt, also gar nicht? Ich sage, nein, gar nicht. Und er fragt fassungslos weiter: Also, wirklich niemals, ja?

Der Franzose und ich nehmen uns ein Taxi nach hause, sind um fünf im Bett, ich bin begeistert über meine Bilanz; Ich habe über den ganzen Abend insgesamt 5 Euro für Getränke ausgegeben (1 Euro pro Wasser, plus Trinkgeld) und deswegen ist eine Taxifahrt durch die ganze Stadt locker im Budget.

Am nächsten Tag bin ich müde, schluffig und habe ein bisschen Kopfschmerzen, die nach dem Morgenspaziergang verfliegen. Ein Kindergeburtstag, verglichen mit einem Alkoholkater.

Ich bin seltsam froh darüber, dass ich nicht für den Rest meines Lebens auf Rausch verzichten muss. Ich weiß nicht, ob ich je wieder Partydrogen nehmen werde. Kokain ist für mich nicht so wahnsinnig aufregend; Ich denke, der DJ hat letztlich mehr für mich getan als das Zeug und ich bin mir sicher, hätte man mir Vitamin C in Pulverform auf dem Klodeckel zerhackt und daraus Linien gezogen, hätte der Placeboeffekt mich genau so glücklich gemacht. Ich hätte das Koks nicht genommen, wenn ich es irgendwann in meinem Leben mal leidenschaftlich geliebt hätte. Ich hätte es nicht genommen, wenn ich keine Erfahrung damit gehabt hätte, was es mit mir macht. Ich hätte es nicht genommen, wenn es in meiner Welt die gleiche Akzeptanz erfahren würde wie der Alkohol (»willst du auch eine Line zum Essen? – Aber warum denn nicht, bist du etwa schwanger?«).

Der Franzose geht am Sonntag Mittag nach hause und hinterlässt eine halbe Flasche Rotwein auf meinem Küchentresen. Ich mache sie auf, rieche daran und der saure und süße Geruch löst keine Gefühle in mir aus. Vergorenes Obst, letztendlich, nicht mehr. Warum bloß alle Welt so einen Wirbel darum macht. Ich gieße den Rest in den Abfluss.