Wohin gehen deine Füße?

Mein Freund Julian hat mich neulich an meine guten Vorsätze für das Jahr 2017 erinnert. Wir waren zusammen essen gewesen, am ersten Januar 2017, in der Oderquelle, und leicht verkatert bei einem Glas Wein erklärte ich, ich hätte zwei gute Vorsätze für das neue Jahr. Erstens: mehr reisen. Zweitens: keine Vorsätze über Alkohol machen. 

Ich hatte mein Trinken an diesem Punkt schon seit Jahren besorgt beobachtet, es mal mehr, mal weniger leidenschaftlich unter Kontrolle zu bringen versucht. Ich hatte die lächerlichen Listen gemacht, an welchen Tagen habe ich getrunken und an welchen nicht, hatte mich mit anderen verglichen, die Pegel in allen Weinflaschen auf allen Tischen, an denen ich saß, heimlich, aufmerksam und ängstlich beobachtet, als seien sie das einzige, was das Licht reflektierte. Ich hatte das langweilige Elend tausend Mal verflucht und war tausend Mal deprimiert und taub aufgewacht, mit stumpfem Hirn und schwerem Herz, in einer endlosen Schleife von Leere und Traurigkeit und Selbstmitleid und verheulten Spaziergängen am Sonntag Nachmittag und Scheißegal-Attitude, dass ich mich selbst nicht mehr ernst nahm. Es war nicht schlimm genug, es war nicht gut genug, es war nicht bedrohlich genug, es war nicht real genug, nie lange genug greifbar. Der vielschichtige Alltag mit all seinen tausend Facetten relativiert alles, permanent, alle Probleme verlagern minütlich ihre Schwerpunkte, die Themen sind so zahlreich und unüberschaubar wie die Figuren in einem Roman von Tolstoi.

Ich fasste keine Vorsätze mehr, ich würde sie ohnehin brechen. Ich wusste genug über das Trinken. Wenn ich es bisher nicht geschafft hatte, es sein zu lassen, würde ich es eben nicht schaffen. Ich nahm es mit Galgenhumor. Ich versuchte nie besonders, den Kampf zu verstecken. Ich hielt den Kopf über Wasser, riss Witze darüber. Ich wusste: das ist es eben jetzt, das ist mein Leben. Ich muss mich damit abfinden: ich werde irgendwann allein, hässlich, depressiv und krank sterben. Es wäre kühn, mir noch etwas anderes zu erhoffen als Mittelmäßigkeit.

Bei AA reden sie viel von Kapitulation. Man hört von Menschen, die an irgendeinem spektakulären Tiefpunkt auf die Knie sinken und Gott um Hilfe anflehen, weil sie nicht mehr weitermachen können. Das ist es, was dich rettet, eines Tages: göttliche Gnade. Die ersten beiden Schritte des Programms handeln von dieser Kapitulation: »Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten. Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wieder geben kann.« Ich hielt von diesen Leitsätzen nichts. Ich glaubte nicht, mein Leben nicht meistern zu können, ich kam zurecht. Ich glaubte auch nicht, dass ich am Trinken sterben würde. Ich wusste, es gibt Leute, die daran sterben, aber ich glaubte nicht, dass es bei mir je so ausufern würde. So jemand bin ich einfach nicht, dafür bin ich zu gewöhnlich. Ich hätte nie die Eier, mich spektakulär zugrunde zu richten. Und mit Gott muss man mir erst recht nicht kommen. Ich glaube zwar an viele Dinge, aber sicher nicht daran, dass sich eine dubiose höhere Macht dafür interessiert, ob ich mir einen Gin Tonic bestelle oder nicht. Ich hatte auch nicht den Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören, ich hatte nur den Wunsch, es möge bitte einfach keine Probleme mehr machen. Ich konnte keinen Tiefpunkt ausmachen; nur eine langsam und stetig abfallende Kurve, deren Verlauf ich dem allgemeinen Alterungsprozess zuschrieb. Weder die Höhen noch die Tiefen meines Lebens waren je von mir selbst verschuldet oder verantwortet worden. Das Schlechte, was passierte, war immer Pech, und das Gute war immer Zufall.

Am 18. August hatte ich noch ein bisschen Zeit nach der Arbeit, ich hatte nichts weiter vor, und ich hatte das mit dem AA Meeting schon seit einer Weile auf der ToDo-Liste, zwischen hundert anderen Sachen. Um die Ecke vom Atelier ist dieses Meeting, ich würde hingehen und das mal auschecken. Würde nicht schaden, hatte ich noch nicht versucht. Und die haben Kaffee umsonst, hört man.

Ich war nicht übermäßig nervös, denn ich weiß: Ich kann immer so wirken, als hätte ich meinen shit together, ich weiß wie man sich Sachen vom Leib hält, meine Fassade ist stabil und ordentlich, das schützt mich, ich weiß, wie man sich in der Welt bewegt, wie man sitzt und lächelt und interessiert zuhört. Ich gehe in das Meeting, die Menschen sind wahnsinnig nett und eloquent und wach, sie labern nicht rum, sie verlangen nichts und predigen nicht, sie sind alle gewöhnlich und unterschiedlich und so erstaunlich, wie Menschen eben sind.

Ich fühle nicht viel. Ich bin taub, so wie sie dich betäuben, wenn sie dich aufschneiden. Ich fühle keine Kapitulation, obwohl ich mittlerweile kapiert habe, dass es genau das war. Ich fühlte nur eine sehr weit entfernte, aber eindeutige Gewissheit, dass das richtig ist. Dass es richtig ist, da zu sitzen, und dass es richtig ist, nächste Woche wieder da zu sitzen. Genau darin besteht die Magie. Es ist die schiere Banalität dieser Kirchenzimmer-Zusammenkünfte von Zufallsmenschen: In einen Raum zu gehen, sich an einen Tisch zu setzen, mit fremden Menschen, die erstmal nichts gemeinsam haben als die Unbeherrschbarkeit des Drinks.

Der Raum, der Tisch, der Ort, der Drink: Realer wird’s nicht. Mehr Realität über dein Trinken bekommst du nirgendwo sonst geboten, und wenn du einmal eine Wahrheit erkannt hast, gibt es keinen Weg zurück.

Wenn du einmal eine Wahrheit kennst, wirst du nie mehr in den Zustand der Unwissenheit zurück kehren. Du wirst immer wieder bei dieser Wahrheit landen, egal, wie lang und kompliziert der Umweg sein wird. Du wirst zu dieser Wahrheit zurück kommen, egal, ob du einen Drink pro Woche hast, oder zwei Flaschen jede Nacht; ob du Wein oder Bier oder Wodka Soda trinkst, egal, wie lang oder kurz deine Trinkpausen sind. /// Laura McKowen

Ich habe mich, in diesen letzten vier Monaten, in diesen Räumen nie verzweifelt gefühlt. Ich hatte kein Mal das Gefühl, dass ich da sein muss. Ich empfinde es tatsächlich als die beste Option für meinen Freitagabend. Es ist ein Privileg. Ich habe das Gefühl von Richtigkeit und Ruhe und Klarheit jedes Mal, manchmal so stark, dass es einem Rausch ähnlich wird. Die konsequente Abwesenheit von Smalltalk entspricht meinem Wesen und ist momentan jeder lauten Party vorzuziehen, bei der man sich gegenseitig Banalitäten ins Ohr brüllt. Been there, done that. Brauch ich nicht mehr. Ich gehe definitiv nicht da hin, weil ich Angst davor habe, sonst zu trinken. Ich kann mir heute, jetzt, keine plausible Argumentation vorstellen, die mich je wieder davon überzeugen könnte, dass trinken eine gute Idee wäre. Doch ich fühle dort eine Art von Richtigkeit, die ich in den anderen Bereichen meines Lebens selten habe.

Es wird immer wieder gesagt, dass Alkoholismus auch eine spirituelle Krankheit ist, und ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass das stimmt. War es eine höhere Macht, die mich zum Nicht-mehr-Trinken veranlasst hat? Es war jedenfalls eine Macht, die außerhalb des Herrschaftsbereiches meines Hirns regiert. Nenn das Gott, wenn’s dir Spaß macht. Wenn du mich fragst, könnten es auch meine Darmbakterien gewesen sein. Manchmal kennt etwas, das außerhalb deines Bewusstseins liegt, Wahrheiten, die deinem Ego verschlossen sind. Manchmal wissen deine Füße mehr als dein Kopf. Niemand weiß wirklich, was er glaubt, bevor er nicht beobachtet, was er tut. Kennst du deine Prioritäten? Das, was du jeden Tag tust, das sind deine Prioritäten. Nicht was du sagst, was du eigentlich tun willst, nicht das, was du tun müsstest. Nicht deine guten Vorsätze. Es zählt nicht, wo deine Gedanken hin gehen. Es zählt nur, wo deine Füße hingehen.