Auf die Couch

Andy Warhol hat gesagt: »Wenn du etwas im Bett tust, hat es automatisch mehr Glamour.« Ich fand den Spruch immer gut, unter anderem deswegen, weil ich nie eine Couch besessen habe. Es gibt in meiner Wohnung einen Bereich von ca. 6 Quadratmetern, wo ich praktisch nie bin. Das ist schlechtes Raum-Management, wenn man nur 40 Quadratmeter hat. Weil ich keine Couch besitze, mache ich vieles im Bett: arbeiten, Videos anschauen, Mails checken, meine Nägel feilen. Das ist messy. Es ist, als würde man in seiner Badewanne abwechselnd baden, Karpfen hältern und Leder gerben. Ich brauche grundsätzlich ein bisschen mehr Aufgeräumtheit und es ist nunmal so: das Bett ist für 3 wichtige Dinge da: Schlafen. Ficken. Und mit dem Lover reden. Alles andere gehört in Küchen, Büros, und eben aufs Sofa. Ich komme also zu dem Schluss: ich brauche eine Couch. 

Wenn Geld knapp ist, kauft man seine Klamotten bei H&M und seine Möbel bei IKEA. Beide haben klare Vorteile. Die Produkte sind stilistisch okay und bezahlbar. Aber leider sind sie eben auch: Schrott. Man kauft sie schon mit dem Ende im Kopf: das hält nicht lang. Man kauft sie, um sie nach einer gewissen Zeit auszutauschen, sie sind immer nur oberflächlich gut: eine Beschichtung im Holz-Optik, die abplatzt, Pressspan, das bricht, Polster, die sich durchsitzen, Textilien, die sich gruselig anfühlen, Nähte, die sich bei winzigster Belastung auflösen, oder alles wirkt einfach nach einer gewissen Zeit auf unbestimmbare Weise obsolet. Dann ersetzt man den alten Schrott durch neuen Schrott und alles geht wieder von vorne los und man hat niemals seine Ruhe. Diese Konsumspirale bei Kleidung zu durchbrechen fand ich relativ einfach. Ich kaufte meine »Uniform« (Jeans, Shirts) in erfreulicher Qualität und die gelegentlichen One-Night-Stands (Partykleidchen) in Second Hand Shops. Doch bei Möbeln gibt es keine One-Night-Stands.

Ich fand schnell raus, dass es bei den Sofas, die ich gut finde, so etwa bei 1000 Euro losgeht. Während meines gesamten Studiums waren 1000 Euro immer so mehr oder weniger die Summe, mit der ich im Dispo war. Für ein einziges Möbelstück so viel Geld auszugeben, erschien mir wie der pure Irrsinn. Ich suchte bei Second-Hand-Shops und bei Ebay Kleinanzeigen, aber nichts gefiel mir. Ich war kurz davor, moralisch zusammen zu brechen und statt der dänischen Designercouch, die ich eigentlich wollte, ein 400-Euro-Kompromisssofa bei IKEA zu bestellen, das schlecht altern würde. Damit kein Missverständnis entsteht: Ich bin alles andere als sparsam. Ich war immer beherzt im Geldausgeben. Ich gab nur nie viel auf einmal aus. Ich konnte viele kleine, eruptive Impulsivkäufe machen. Die sich mit der Zeit zu ziemlich beeindruckenden Geldbeträgen summieren konnten, die ich nie wirklich überschauen und deswegen mühelos ignorieren konnte.

In ein paar interessanten Studien wurde gezeigt, dass Süchtige (auch Alkohol- und Nikotinsüchtige) dazu neigen, schnelle Kicks vor langfristige Gewinne zu stellen. Und dass sie in allen Belangen kurzfristig denken, die Zukunft immer nur in kleinen Etappen überblicken. »Im Labor, sowie im Leben sind die Alkoholiker, Süchtigen und Raucher Musterbeispiele für die Tücken des Kurzzeit-Ziels« (Willpower: Roy F. Baumeister, John Tierney) Außerdem fanden die Forscher heraus, dass »Menschen mit hohen Einkommen dazu tendierten, weiter in die Zukunft zu schauen als Menschen mit niedrigem Einkommen«.

Vor ein paar Tagen saß ich mit meinem sehr klugen Freund Julian beim Kaffee und wir unterhielten uns über Elon Musk. Julian macht in Marketing. Er ist so jemand, der nicht nur ein Ecksofa inklusive dazugehörigem Couchtisch besitzt, sondern auch über ein Wohnzimmer verfügt, in dem das ganze freistehend Platz findet. Er sagte zu mir, ich müsse meine negative Einstellung zum Geld ändern. Er verdächtigte mich, dass ich, wie viele Arbeiter-Kinder, Geld als etwas Schmutziges für moralisch korrumpierte Leute sehe (nur was für Arschlöcher) und nicht als etwas, das irgendwas in meiner Welt zu suchen hat. Doch das stimmt nicht. Ich finde Geld super. Ich war nur nie in der Lage, in mehr als zwei Schritten eine Karriere, eine Fernreise oder einen Sofakauf zu planen.

Mein ebenfalls sehr kluger Freund Mat (ein Filmemacher, der, wie ich es bisher verstanden habe, seine häufigen Fernreisen kunstvoll mit unregelmäßigen, jedoch hohen Preisgeldern und einem komplexen System aus verschiedenen Dispokrediten finanziert) setzte mir in einem langen Gespräch die Vorzüge einer hochwertigen Designcouch auseinander und rechnete mir vor, wie viel Zeit ich mit einem solchen Möbelstück verbringen würde. Er hatte einen Punkt. Und dann, kurz vor Weihnachten, reduzierte der dänische Designshop für eine Woche seine Preise um die Hälfte. Eine Koinzidenz, die ich unmöglich ignorieren konnte.

An einem sonnigen Samstag Nachmittag verkleidete ich mich als ordentlicher Steuerzahler, schlenderte in den Laden hinein, ließ mir ein paar Stoffe vorführen, einen Kaffee machen, machte netten Smalltalk mit dem Verkäufer, saß ein bisschen Probe und bestellte schließlich mein neues 2 1/2-Sitzer Sofa mit hellrosa Bezug für 1000 Euro, als hätte ich noch nie im Leben was anderes gemacht. Die Karte über den Tresen zu schieben war beängstigend und euphorisierend. Ich konnte es kaum glauben. Ich kam wirklich mit der Nummer davon. Der Verkäufer hatte keine Ahnung, dass ich in Wirklichkeit nur so aussah, als wäre ich eine erwachsene Frau mit einem geregelten Einkommen und einem Fünf-Jahres-Plan für ihr Leben. Ich fühlte mich wie ein Meisterbetrüger.

Dabei stürzte mich der Couchkauf in keine Schulden. Ich arbeite ja schließlich für meinen Lebensunterhalt und es sieht auch nicht danach aus, dass sich das in nächster Zeit ändert. Doch innerlich bin ich immer noch die 22-jährige Barkeeperin ohne Haftpflichtversicherung, die, wie es ein Lover einmal amüsiert bemerkte »immer exakt den Lohn der letzten Nachtschicht im Portemonnaie hat« (und kein Geld irgendwo sonst). Jedes Mal, wenn in meinen Studienzeiten jemand erzählt hat, sie hätte von dem Einkommen ihrer Nebenjobs „etwas zurücklegen können, von dem sie ein paar Monate leben könnte“ fand ich das absolut erstaunlich.

Ich habe immer noch regelmäßig das diffuse Gefühl, dass in meiner erwachsene-Frauen-Hülle, die zu Meetings geht und Steuererklärungen macht, ein komplett ahnungsloser Teenager lebt, der in jedem Moment Gefahr läuft, dass alle rausfinden, wie erschreckend wenig Plan er von all diesen Dingen hat, die erwachsene Menschen so den ganzen Tag tun. Wohnungen kaufen. Firmen gründen. Kinder erziehen. Zum Beispiel.

Caroline Knapp schreibt in ihrer fantastischen Autobiographie Drinking – A Love Story: »Auf einigen grundlegenden persönlichen Ebenen hörst du auf zu wachsen, wenn du anfängst, unkontrolliert zu trinken. Das Trinken hemmt dich, beschützt dich vor der Art beängstigender Erfahrungen, die dich auf der Reifeskala von Punkt A nach Punkt B bringen.«

Innere Stagnation kann sich von Trinker zu Trinker unterschiedlich auswirken. Bei mir sind die Problemzonen: Geld und romantische Beziehungen. Was Geld und Männer betrifft mache ich seit Jahren stoisch die gleichen Fehler: Ich fordere zu wenig, plane zu kurzfristig und scheitere grandios an der Kosten-Nutzen-Kalkulation. Und: Ja, beide Themenbereiche haben sowohl eine rationale als auch eine psychologische Komponente: man kann die emotionale Beziehung zu Geld genau so wenig außer acht lassen wie die intellektuelle Beziehung zur Liebe.

Mein Sofa wird Ende Januar geliefert. Diesen Text schreibe ich also noch im Bett. Ich fühle mich noch immer nicht wie jemand, der teure dänische Designersofas kauft und das wird wohl auch in näherer Zukunft nicht passieren. Aber das macht nichts, denn ich konzentriere mich ja jetzt mehr auf Langzeit-Ziele. Der Couchbezug ist unpraktisch blassrosa. Meine Freundin Cleo äußerte Zweifel an der Farbe, weil es so schnell Flecken gibt. Egal, sagte ich: Ich trinke keinen Rotwein mehr. Und alles andere kriegt man raus.