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1 — Ich bin ein Kaffee Junkie. In meiner Familie wird traditionell viel Kaffee getrunken. Ich brauchte schon immer viel davon, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Doch nichts schlägt die Mengen, die ich mir jetzt gebe. Bevor ich morgens das Haus verlasse, hatte ich meistens schon drei Tassen. Und wir reden nicht von diesen eleganten, italienischen Fingerhütchen, sondern von pechschwarzen 0,3 Portionen mit ungefiltertem, schlammigen Sud am Boden. Was soll’s, denke ich. Kaffee ist das letzte Erwachsenengetränk, das mir bleibt. Das letzte, was auf eine gute Art bitter ist.

2 — Ich krieg immer noch Pickel. Ich war voller Vorfreude auf die fantastische, reine Alabaster-Haut, die man angeblich kriegt, wenn man aufhört zu trinken. Doch, welch eine Enttäuschung: kein Unterschied im Hautbild. Ich bin weder reiner noch unreiner als zuvor. Die Befindlichkeit meiner Epidermis scheint zu 100% hormonell geregelt zu sein. Aber, hier kommt die erfreuliche Nachricht:

3 — Ich habe Gewicht verloren. Nicht so viel, dass Vorher-Nachher-Bilder davon viral gehen würden, aber auf jeden Fall genug, dass mich alle darauf ansprechen. Und genug, dass ich mir zwei teure, brandneue Jeans kaufe, in einer Weite, in die ich seit mindestens 10 Jahren nicht mehr rein gepasst habe, die mir den Arsch einer italienischen Marmorskulptur verpassen und die alle anderen Hosen obsolet machen. Bam.

4 — Meine Küsse sind echt. Männer küssen immer beim ersten Date. Das ist einfach, was sie tun. Mein Freund Mat, ein großer Liebhaber der Frauen, sagte neulich, dass die Männer beim ersten Date küssen, damit wir Frauen nicht denken, sie seien totale Luschen. Meine eigene Theorie: Sie küssen, weil sie wissen, dass sie keinen blassen Schimmer haben, was in den Köpfen der Frauen vor sich geht. Ist sie zu Tode gelangweilt oder halb ohnmächtig vor Verlangen, wer weiß das schon, also macht er den Kusstest. Um sicher zu gehen. Nur so ist es zu erklären, dass sie auch dann versuchen, dich zu küssen, wenn das Gespräch das gesamte Date nicht über lauwarmen, höflichen Smalltalk hinaus gegangen ist.

Früher, nach ein zwei, drei, vier Wein (je nachdem, was mein Gegenüber für ein Trinkverhalten an den Tag legte) küsste ich meistens der Form halber zurück, egal, wie das Date war. Um dem Typen einen Gefallen zu tun. Oder um mir selbst zu beweisen, dass ich Spaß hatte. Oder weil es einfacher ist, nachzugeben, als eine Grenze zu ziehen. Ich habe dieses Daniel Schreiber Zitat im Kopf: Sucht ist [immer, auch] eine Krankheit des Selbstbesitzes. Du gehst mit dem Flow, du gehst mit dem Mann, du bist nicht 100% sicher, ob du Signale ausgesendet hast oder nicht, du weißt nicht, ob du dich schuldig fühlen müsstest, wenn du nein sagst, und letztendlich ist es auch irgendwann egal, deswegen gibst du nach. Ich bin mir nicht sicher, wie viel von diesem Verhalten alkoholisch war und wie viel davon einfach feminines Rollenspiel (wir sind passiv, wir warten, wir lassen geschehen, don’t forget The Rules) Wie auch immer,  durch mein neues, unablässiges Bewusst-Sein registriere ich diese Dinge jetzt klarer und reagiere tatsächlich in Übereinstimmung mit meinen eigenen Standards.

Mein erstes Erstes Date ohne Alkohol: Netter Typ, gutes Essen, absolut keine Chemie –  enthielt ebenfalls den obligatorischen Kussmoment. Ich öffnete mein Fahrradschloss, er legte mir die Hände auf die Taille und zog mich sanft in seine Richtung. Anstatt zurück zu küssen übernahm mein Körper souverän die Kontrolle, legte freundlich seine Hände zurück auf seine eigene Taille, lächelte und sagte höflich Gute Nacht.

Nicht trinken bei Dates führt dazu, dass ich weniger rummache. Ich mache nur noch rum, wenn ich das wirklich will. Deswegen sind meine Küsse seit Kurzem 100% echt und fair trade.

5 — Ich hinterfrage Alles, die ganze Zeit. Das Trinken hat einen enormen Vorteil: Es entspannt. Zuverlässig, schnell, und immer. Nach einem langen Arbeitstag, bei einem schwierigen Gespräch, in ungewohnter Gesellschaft, bei jeder Art von Stress. Es schleift die Ecken und Kanten des Alltags ab und macht dich locker und d’accord mit der Welt. Wenn diese Bewältigungsstrategie wegfällt, bist du permanent AN. Du bist zu jedem Zeitpunkt bewusst, was du für Gefühle hast, was du für Gedanken hast und wann du eigentlich lieber woanders sein und was anderes machen würdest. Du bist zur Selbstreflektion gezwungen. Du bist immer wach. Weil du plötzlich nicht mehr darüber hinweg gehst, wenn du dich unwohl fühlst, musst du dich mit all den kleinen Nervereien ohne Zeitverzögerung auseinandersetzen. Wenn du dich langweilst, merkst du das die ganze Zeit. Und wenn dich ein Problem nicht schlafen lässt, gibt es keinen schnellen Weg, das Problem kurzfristig schlafen zu legen. Das kann sehr anstrengend sein. Ich habe so viel mehr Energie als früher, doch ich muss auch permanent mein Leben und mein Verhalten meinen wahren Bedürfnissen anpassen.

6 — Mein Tag hat 24 Stunden. Ein Wochenende ist neuerdings richtig lang. Die Stunden, die ich früher Samstag und Sonntag mit ziellosem Herumkatern verbracht habe, sind plötzlich frei für alle möglichen Aktivitäten. Kreativ sein, Kaffee trinken, Leute zum Brunch treffen. Ich lese wieder Romane. In einer irren Geschwindigkeit. Da ich außerdem nur noch wirklich erholsamen Schlaf bekomme, kann ich es mir leisten, eine Stunde früher als üblich aufzustehen und zu meditieren, bevor die Welt losgeht.

7 — Ich bin plötzlich verantwortlich für das Trinken anderer Leute. Angenommen du bist auf einer Verabredung mit einem Bekannten und trinkst nichts, obwohl es eine Trink-Gelegenheit ist (aka in einer Bar / einem Restaurant, im privaten Kontext, nach 17 Uhr etc). Auf diese 3 unvermeidlichen Fragen musst du dich wahrscheinlich einstellen:

1 – Warum, oh warum nur?

2 – Wie lange nicht? Bzw.: Ist das jetzt für immer? Bzw.: Also, du meinst wirklich NIE-nie?

3 – Stört es dich, wenn ich trinke?

Frage Nummer drei ist die Frage, die dich am meisten auf die Palme bringt. Sie impliziert, dass der Nichttrinker permanent in einem Zustand wilden Verlangens nach Alkohol lebt und jede wache Minute auf der Schwelle zum Rückfall steht. Dass jedes Glas, das auf dem gemeinsamen Tisch abgestellt wird, ein offenes Messer ist. Der Trinker möchte sich jetzt vom Nichttrinker abgrenzen, indem er den Eindruck vermittelt, er wolle ihn schützen. Es verleiht ihm Stärke und Selbstvertrauen, zu wissen, dass er selbst – im Unterschied zum Nichttrinker – mit dem Alkohol umgehen kann. Er ist stark, du bist schwach. Lass den Trinker stark sein: Mit diesem Mindset funktioniert die CoExistenz von Trinkern und Nichttrinkern meistens ganz gut.

Wenn es jedoch wirklich so wäre, dass mich die Anwesenheit von Alkohol allein zum Trinken verführte, könnte ich buchstäblich das Haus nicht mehr verlassen. Mit dem Trinken aufzuhören erfordert eine Überzeugung, dass man es sein lassen will, nicht, dass man es muss. Du musst dich ja auch nicht ständig mit aller Kraft davon abhalten, die Reste aus der Mülltonne zu futtern. Und zu allen, die jetzt mit den Augen rollen und sagen, mein Gott, man wolle schließlich nur höflich sein: Mit Höflichkeit hat das alles gar nichts zu tun. Ich esse seit fast vier Jahren kein Fleisch mehr und nicht ein einziges Mal hat mich jemand beim Abendessen gefragt, ob es okay ist, wenn er sich eine Salamipizza bestellt. Und last but not least: Die Normalos (also die Leute, die wirklich kein Problem mit dem Trinken haben) registrieren meistens gar nicht, dass du nicht trinkst. Verrückt.

8 — Mein Körper hat jetzt Luxusprobleme. Ich sitze immer noch gerne in Bars herum und quatsche über das Leben, das Universum und alles andere. Aber neuerdings werde ich irgendwann müde. So gegen ein, zwei Uhr spüre ich meine Augen brennen, meine Knochen schwer werden und ich fange an zu gähnen. Wenn man trinkt, rauscht die Zeit nur so an einem vorbei, die Nächte sind kurz und der Körper ist mit anderen Dingen beschäftigt, als mit der Wahrnehmung seines eigenen Biorhythmus, deswegen kommt es oft vor, dass man sich erst im Morgengrauen nach hause schleppt, obwohl es gar keine rauschende Party gab. Heute höre ich die Signale: Mein Körper sagt Bescheid, wenn er müde ist, wenn er Hunger oder Durst hat, und neuerdings bekomme ich außerdem einen Kater von Zigaretten. Das unangenehme Gefühl in den Bronchien wurde früher immer von dem noch viel intensiveren Alkohol-Kater überlagert. Und wenn sich ein simples Unausgeschlafen-sein mittlerweile anfühlt wie ein Kater, denke ich, wie konnte ich um alles in der Welt die Toleranz haben, mehrmals in der Woche mit einem echten Kater die Arbeitstage durchzustehen?

9 — Ich will all mein Zeug loswerden. Anfangs dachte ich, dass sei bloß eine bedeutungslose Koinzidenz oder eine Folge davon, dass ich so viel neue Energie und Zeit habe, doch dann erwähnte ich es auf einem Meeting und alle sofort so: Jaaa! Ich habe auch am Anfang manisch meine Wohnung entrümpelt!

Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen der Nüchternheit und dem Drang nach Minimalismus. Es ist plötzlich nichts schöner, als leere Flächen, eine kramfreie Wohnung, weiße Wände, Simplizität. Ich durchkämme seit Monaten unerbittlich all meine Kramecken, jede Schublade, jeden Schrank, jede Box. Ich nehme jedes Objekt in die Hand und frage mich, was es mir bedeutet, was es mit mir zu tun hat, ob ich es jemals gebraucht oder gewollt habe. Ich habe eine kleine Wohnung, nur 40 Quatdratmeter, und ich bin fortwährend schockiert darüber, wie viel ZEUG in sich jedem Winkel stapelt. Ich trage säckeweise ZEUG zur Caritas, in den Müll, zur Kleidertonne, ohne dass mir auch nur das geringste fehlt. Stattdessen: Luft zum Atmen. Luft zum Denken. Nur noch Objekte mit Zweck, Bedeutung und Sinn. Alles, was sich falsch anfühlt, nicht schön ist, überflüssig ist, Platz wegnimmt, Staub fängt, muss gehen.

Ich schlafe nur noch in weißer Bettwäsche. Jeder Morgen, an dem ich mit einem frischen Kopf in weißem Bett wach werde, ist heilig.

Und ich trage nur noch schwarz; Das habe ich früher schon hauptsächlich getan, doch damals habe ich fortwährend dagegen angekämpft, es als langweilig verurteilt und immer wieder farbige Dinge gekauft, um sie dann nie zu tragen. Jetzt feiere ich mein Schwarz. Ich habe meine Garderobe auf 30% reduziert. Jedes Teil ist mein Lieblingsteil. Das Anziehen am Morgen dauert weniger als 5 Minuten. Alles passt zusammen. Alles ist wirklich ich.

10 — Alles ist besser. In den vielen Jahren seit meiner Teeniezeit, in denen das Trinken eine feste Gewohnheit geworden war, konnte ich mir irgendwann alle möglichen Situationen ohne Alkohol nicht mehr vorstellen. Dates, Familienfeste, Parties, Dinner, Barbecues, Geburtstage, Urlaube, Abschiede, romantische Abende, Wochenendtrips, Vernissagen, Weihnachten, Beerdigungen, Umzüge. Nicht trinken können bedeutet für die meisten Leute: ein normales Leben ist nicht möglich. Wenn du aufhörst, bist du überzeugt: du wirst nie wieder Spaß haben. Nach 100 Tagen habe ich schon ein paar erste Male ohne Alkohol gehabt:

Erste Party. Erstes Familiendinner. Erstes Date. Erster Sex. Erstes Mal in einem Technoclub. Erste Ausstellungseröffnung. Erster Kurztrip alleine. Erster Urlaub mit dem Lover. Erster Geburtstag. Mein erster Geburtstag.

Nach den meisten dieser Ereignisse denkst du dir: Hah! Das war jetzt echt überraschend okay. Im Falle des ersten Sex war es zugegebenermaßen nicht nur okay, sondern fucking fantastisch. Und wenn es nicht irgendwas zwischen »überraschend okay« und »fucking fantastisch« ist? Lässt du es in Zukunft einfach sein. Weil du es anscheinend nicht brauchst. Oder nicht willst. Revolutionär. (Es ist diese Art von bestechender Logik, die der Alkohol mit der Zeit unmerklich aushebelt)

Nach 100 Tagen also: Meine Wahrheit von der anderen Seite. Die Nachricht, die ich meinem zwanzig, fünfundzwanzig, dreißig Jahre alten Selbst so gerne geben würde, wenn sie nicht durch den ganzen Mist selbst durch müsste; Meine schöne, simple Wahrheit, so schlicht und klar wie weiße Bettwäsche und schwarzer Kaffee am Morgen, das ist sie, Baby: Alles ist besser.

 


Titelfoto: The unmade Bed © Lisa Murray