Bin ich Alkoholiker?

Vor Kurzem hat sich eine Freundin von mir selbst in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Die vorläufige Diagnose lautete schwammig Nervenzusammenbruch. Auch von Depressionen und Panikattacken oder vielleicht auch einer Borderline-Störung war von Zeit zu Zeit die Rede, neuerdings ist es offenbar eine PTBS (ja, das musste ich auch erstmal googeln). Tatsächlich war diese Freundin lange Zeit eine meiner liebsten Trinkkumpanen, da mit ihr immer klar war, dass sie nicht irgendwann genug haben und nach hause würde gehen wollen, zumindest nicht, solange wir noch halbwegs gerade stehen konnten. Mir war also sofort klar, was der Kern dieser Depression / Panikattacke / Borderline-Störung / Posttraumatischen-belastungsstörung sein musste. Sie hatte den Alkohol in der Familie, und ich wusste, sie trinkt wie ich.

Ich besuchte sie in der Klinik und wir saßen in dem hübschen westberliner Garten der Psychiatrie bei Kaffee und Kuchen und sie erzählte mir, wie sie gegen Ende, kurz bevor sie in die Klinik gegangen war, ihre leeren Weinflaschen immer nachts heimlich in den Glascontainer geworfen hat. Und dann machte sie eine Pause, sah mich an und sagte fassungslos: „Ich meine, das war schon extrem. Ich dachte, bin ich etwa ein Alkoholiker?!“ Das Wort Alkoholiker spuckte sie maximal angewidert aus. Angewidert ist in unserer Welt die phonetisch korrekte Weise, dieses Wort auszusprechen.

Diese Szene, ihr ungläubiges, fassungsloses Gesicht ist mir tief in Erinnerung geblieben. Darin spiegelte sich so klar die teuflische  Weise, wie diese Krankheit wirkt. Man muss sich das mal in aller Widersinnigkeit vorstellen: Meine Freundin schleicht. sich Nachts. Heimlich. in den Keller, um ihre leeren Flaschen zu entsorgen, damit irgendwelche fremden Leute nicht möglicherweise ihren Konsum überschauen können, und sie fragt sich immer noch, ob sie vielleicht ein Problem hat.

Die Geschichte zeigt einerseits gut die Verdrängungsmechanismen, die mit einer Alkoholsucht einhergehen. Aber sie zeigt auch, wie weit man in unserer Gesellschaft gehen kann, ohne dass einen jemand stoppt, oder auch nur mal nachfragt. Selbst die Leute, die sich eindeutig selbst schaden, die eindeutig leiden, die eindeutig schon vor Jahren eine Notbremse hätten ziehen müssen, hätten lieber eine Depression, eine Borderline-Störung oder Schizophrenie, als das Label ALKOHOLIKER. Die Menschen, die daneben stehen und das ganze miterleben, sehen zwar meist, was das Problem ist, leben aber lange Zeit nebenher, ohne zu intervenieren, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Ihr eigener Konsum stünde dann auch zur Debatte. Zweitens: Man will den geliebten Menschen nicht beleidigen, denn genau das ist es, was man tut, wenn man ihn einen Alkoholiker nennt.

Das Label ALKOHOLIKER existiert aus einem Grund. Das Label existiert, um eine künstliche Grenze ziehen zu können, zwischen Leuten, die ihr trinken (noch) kontrollieren können und denen, die es nicht (mehr) können. Das Label schützt die trinkenden Normalos vor unangenehmen Fragen, denn: Alkoholiker sind immer die anderen. Die Typen auf der Parkbank, die mit der Alditüte, wir kennen alle das Klischee. Die Tatsache, dass unter allen aktiven Alkoholikern nur einige wenige dieses Klischee erfüllen, kommt allen anderen Trinkern sehr gelegen. Es schafft ein falsches Gefühl von Sicherheit. Solange die Parkbank noch nicht real ist, bin ich kein Alkoholiker. So einfach ist das.

Wenn man in der Google Bildersuche nach Alkoholismus sucht, erhält man eine messerscharfe visuelle Darstellung des Klischees. Das Bild vom Alkoholismus ist fast ausnahmslos männlich, alt, obdachlos und in einem Zustand heilloser Verwahrlosung:

Alkoholismus

Treffer aus einer Google Bildersuche nach dem Schlagwort „Alkoholismus“

Tatsache ist aber: Die meisten aktiven Alkoholiker funktionieren in ihren Jobs und Beziehungen lange, lange Zeit weiter, so dass sie den Status Quo wahren können. Mein Vater beispielsweise hatte schon seit geraumer Zeit eine Flasche Grappa pro Nacht getrunken, bevor meine Mutter ihn verließ und sein Geschäftspartner ihn rauswarf. Und auch die, die noch nicht beim täglichen Grappa angekommen sind, können sich schon in der Gefahrenzone befinden; knapp 30% der „normalen“ Trinker qualifizieren als Problemtrinker. Das bedeutet: Sie trinken so häufig so viel, dass sie ihrer Gesundheit dauerhaft schaden und bei einem gleichbleibenden Verhalten über kurz oder lang abhängig werden. Last but not least ist Alkoholismus, egal in welchem Stadium, eine Krankheit, die dir einredet, dass du sie nicht hast. Selbstbetrug ist eines der Symptome. Und das ist fast das beängstigendste daran.

Ich stelle mich nach wie vor als Alkoholiker bei den Meetings vor, aber ich glaube mittlerweile, dass das Label mehr schadet als nützt. Ich bin der Überzeugung: Der Grund, weshalb ich mit 32 aufgehört habe und nicht schon mit 27 oder 22 ist, dass ich Jahre damit verbracht habe, mich zu fragen, ob ich ein Alkoholiker bin oder nicht, die Antwort immer nein und die logische Konsequenz immer das Weitertrinken war. Dass das Trinken mich massiv besorgt hat, war nicht Grund genug, aufzuhören. Dass es  gesundheitsschädlich ist, war nicht Grund genug, aufzuhören. Dass ich es in der Familie habe, ständig überdosiert habe, Filmrisse und leichte Depressionen hatte, war nicht Grund genug, aufzuhören. Dabei müsste doch, ganz nüchtern betrachtet, nur einer der oben genannten Gründe ausreichen, um allen Leuten plausibel erklären zu können, dass aufhören eine gute Idee ist.

Die Frage: Bin ich ein Alkoholiker? ist die falsche Frage. Sie kreiert eine künstliche Grenze, die vom echten Problem ablenkt. Nämlich, das Alkohol für alle schädlich ist, dass sich jeder besser fühlt, ohne zu trinken, dass kein Körper dazu gemacht ist, mit größeren Mengen Ethanol zu zurecht zu kommen, dass es eine hochgradig addiktive Substanz ist, die einen risikofreien Konsum gar nicht ermöglicht und dass es ein Stigma festigt, das es in unserer Gesellschaft gegenüber Alkoholikern und anderen Abhängigen gibt. Ein Stigma, das sehr viele davon abhält, sich Hilfe zu suchen.

Die normale Frage ist: Ist das schlimm genug, um es zu ändern? Die Frage, die wir eigentlich stellen sollten ist: Ist das gut genug, um so zu bleiben? Und die wirkliche Frage unter all dem ist: Bin ich frei? — Laura McKowen

Ich gehe brav mindestens ein mal in der Woche in mein Meeting. Ich sage die Formel Hallo ich bin Mia, ich bin Alkoholikerin und ich stelle mir die Frage nicht mehr. Ich weiß nicht, ob ich eine Alkoholikerin bin. Ich habe mich bloß entschieden, es zu glauben, weil es so einfacher ist. Aber es gibt einige Dinge, die ich sicher weiß:

Trinken hat keine Vorteile. Nicht einen. Trinken hat mich Zeit gekostet, viel Zeit, und viel Energie. Es hat meine Haut ruiniert, mein Selbstwertgefühl geschwächt, meine Produktivität und Konzentration korrumpiert, und mich Dinge tun und sagen lassen, die ich später bereut habe. Es hat meinem Aussehen und meiner körperlichen Leistungsfähigkeit geschadet. Ich weiß: seitdem ich nicht mehr trinke, hat sich die graue, kalte Wolke, die über meiner Stimmung lag, gehoben und viele Dinge, die mich früher gestresst haben, machen mir nichts mehr aus. Ich weiß: Der Sex ist besser. Das Schlafen ist besser. Und besonders das Aufwachen ist besser. Alles ist besser. Wirklich. Und was nicht besser geworden ist, sind ausnahmslos Dinge, die schon vorher nur mit Alkohol zu ertragen waren.

Die kleine Betäubung ist definitiv angenehm. Alkohol wirkt, immer. Manchmal sehne ich mich nach dem schnellen, billigen, zuverlässigen Wattegefühl, das nagende Zweifel zum Schweigen bringt und die Grenze zwischen mir und der Welt verflüssigt, die scharfen Kanten weich macht, den Kopf leer macht. Neulich saß ich mit dem Franzosen in einem Restaurant, er hatte ein Glas Rotwein (Stört es dich, wenn ich trinke? – Natürlich nicht!) und als mir der Wein in die Nase stieg, wollte ich ihn so sehr, dass ich am liebsten geschrien hätte. Mein Suchtgedächtnis ist lebendig und hellwach und es versucht mich immer noch davon zu überzeugen, dass dieser Wein mich glücklich machen wird. Doch ich weiß auch, dass ich diesen Wein in diesem Moment nicht getrunken hätte, auch wenn ich stattdessen weinend aus dem Laden hätte rennen müssen. So klein muss ich nicht mehr denken. Ich weiß, es gibt mehr als dieses lächerliche, mickrige Glas Wein. Ich weiß, es geht besser als das. Ich kann mich so viel besser fühlen. Ich darf so viel mehr verlangen. Ich kann so viel mehr vom Leben bekommen als diesen Scheiß Wein. Es geht so viel größer, schöner, wilder, echter als das.

 


Titel Bild: Ich und Sekt, 2009