Ich fühlte mich als hätte ich glühende Kohlen gegessen. Die verfluchte Unterwäsche konnte mich mal

»Alles, was du verbrannt, zerbrochen und zerrissen hast, halte ich noch immer in meinen Händen. Ich bin die Hüterin der zerbrechlichen Dinge und ich habe von dir behalten was unauflösbar ist.«
— Anais Nin

Alkohol als Thema zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Als Tochter eines Alkoholikers wurde ich schon früh mit dem Gefühl eines Erwachsenen gegenüber empfundenen Vertrauens-Vakuums bekannt.


Auf einer Reise zur Nordsee, die ich mit meinem Vater mit etwa 7 oder 8 Jahren unternommen hatte, wachte er eines Nachts nicht auf, so sehr ich ihn auch schüttelte und boxte. Verängstigt und verwirrt nahm ich ein paar Münzen aus seinem Geldbeutel, schlich hinunter in die Lobby des Hotels in dem wir wohnten und rief meine Mutter an. Die versuchte die aufsteigende Panik in ihrer Stimme zu unterdrücken und sagte mir, ich solle mich ganz fest ins Bett kuscheln, ein Buch lesen und sie würde mich früh morgens abholen kommen. Ich erinnere mich, wie ich in dem Hotelzimmer neben meinem bewusstlosen Vater auf dem Sofa zusammengerollt auf den Morgen wartete. Ich las zum hundertsten Mal „Die kleine Hexe“ und guckte immer wieder auf die Uhr, wartete darauf, dass der Zeiger die sechs erreichen würde, in meinem Kopf bis heute die Uhrzeit, die das Ende der Nacht markiert. Ich habe in dieser Nacht nicht verstanden, warum mein Vater nicht aufwachte und ich kann mich nicht daran erinnern, dass es mir jemand erklärte. Erst viel später, als ich schon erwachsen war und mein Vater am Alkohol zu sterben begann, setzte ich die Puzzleteile zusammen und fing an, zu verstehen, was Alkoholismus ist. Meine Mutter funktionierte. Sie verließ meinen Vater, um mich und sich selbst zu retten. Es gab in den Jahren nachdem meine Eltern sich getrennt hatten, zwar ausschweifende Parties, auf denen die Erwachsenen wild und lustig waren, aber nichts davon sah nach mehr aus als Spaß. Und wir Kinder durften lange aufbleiben, weil die Erwachsenen irgendwann vergaßen, dass wir da waren.

Trinken war, während ich älter wurde, eine ganz Weile lang an der Peripherie meines Bewusstseins. Immer da, nie wirklich sichtbar. Ich kann mich, anders als viele andere Trinker, zwar an meine erste Zigarette, nicht aber an mein erstes alkoholisches Getränk erinnern. Als Teenager trank ich jedenfalls manchmal mit meiner Mutter zusammen kleine Gläschen Baileys auf Eis, während wir in ihrem Bett lagen und auf VHS-Kassetten alte amerikanische RomComs anschauten und uns fettige Pizzen mit Schinken, Brokkoli und Sauce Hollandaise liefern ließen. Diese Erinnerungen machen mir immer noch ein angenehmes, warmes Gefühl von himmlisch verbummelten Sonntagnachmittagen. Mit meinem ersten Freund zusammen gab es manchmal homöopathische Dosen Martini Bianco auf Eis, während wir in meinem Zimmer knutschten, Nick Cave and the Bad Seeds hörten und uns kiloweise Lack in die Haare sprühten. Wir waren 16 und 17, gingen schon nachts in Clubs, aber es war noch lange nicht jedes Getränk, das wir an der Bar bestellten, ein alkoholisches. Wir tranken oft Kirschsaft in den Clubs. Wir finanzierten noch alle Freizeitaktivitäten mit kleinen Taschengeld-Budgets. Der gelegentliche Gin Tonic war ein Luxus, den wir uns höchstens einmal am Abend leisten konnten.

Mit 18 zog ich von zuhause aus. Meine Mutter hatte beschlossen, wieder zurück in ihre Heimatstadt zu gehen, und ich blieb in meiner eigenen Heimat, Berlin, um die Schule zu beenden. Hier begann mein erwachsenes Trinken. Es war nicht so sehr, dass mich niemand mehr überwachte, denn auch schon früher ließ mich meine superliberale Mutter weitgehend machen, was ich wollte. Doch jetzt lebte ich alleine. Das hieß: Ich war erwachsen. Das hieß: Ich trank.

Mit neunzehn hatte ich Abitur-Lerngruppen mit meinen Freundinnen und das abendliche Weintrinken nach dem gemeinsamen Lernen war schnell Normalität geworden. Mit meiner Freundin Paola hing ich nach dem Lernen im Kino des berüchtigten Künstlerhaus Tacheles rum und probierte aus, wie es sich anfühlte, eine Frau zu sein. Sie trank Weißwein, ich Rotwein. Mit 20 lernte ich dort meine erste wirkliche Liebe kennen. Heiner war der Betreiber des Kinos, doppelt so alt wie ich, aufregend, unangepasst, Skorpion, ein toxisches Pulverfass voller Charisma. Am Anfang unserer ersten Nacht fragte er mich, willst du eine Film sehen? Er warf alle anderen Leute aus dem Kino und wir saßen in der Mitte des leeren Kinosaals mit den roten Ledersofas, tranken Sekt auf Eis und sahen die ersten zehn Minuten von Oceans Eleven.

Ich begann, nachts als Barkeeperin in seinem Laden zu arbeiten und wir waren jede freie Minute zusammen. Ich hatte eine eigene Wohnung, war aber nie da. Wir spielten Flaschendrehen mit unseren Freunden und tanzten nackt auf dem Wohnzimmertisch. Ich kochte barfuss und im Cocktailkleid  fünfgängige Menüs für seine Geschäftspartner und rauchte dabei. Wir fuhren mit seinem Cabrio drei Wochen nach Italien.  Wir schleppten das Geld im Morgengrauen säckeweise nach hause und warfen es in die Badewanne, um es morgens zu zählen. Ich verstand das erste Mal, was Sex ist und weshalb darum immer so ein Theater gemacht wird. Mein Leben entfaltete sich zu meinen Füßen, von Horizont zu Horizont, eine glitzernde, pulsierende Metropole der Geheimnisse, des Drecks und der Leidenschaft. Bei der Arbeit hinter der Bar, ein paar Nächte in der Woche, trank ich immer. Bier in gewöhnlichen Nächten. Oder Gin Tonics, wenn ich mich ein bisschen glamouröser fühlte. Oder wenn Samstag war. Er trank Cuba Libres, locker sieben am Abend und fuhr immer mit dem Auto nach hause. Ich machte mir nicht ein einziges Mal Gedanken darüber. Wir waren frei, wir tanzten auf den Tischen, hatten dreimal am Tag Sex, waren zum Verrücktwerden verliebt und das gute Leben war umsonst. Ich verbrachte Stunden damit, Playlisten für die Nacht zusammen zu stellen, denn die Barkeeper in dem kleinen Kino waren gleichzeitig die DJs. Es wurde ein Wettbewerb, die meisten Leute zum Tanzen zu bringen, die besten und längsten Parties zu inszenieren. So machten wir das Geld. Gute Musik und ein Wodka trinkendes Schneewittchen hinter der Bar waren Gold für den Umsatz. Mein Lover liebte mich mehr, wenn ich seinen Laden voll kriegte und die Bar war meine Bühne. Wenn ich nicht hinter der Bar stand, saß ich davor und feierte dort mit ihm und den anderen, Freunden, Künstlern, Angestellten. Die meisten hatten Kokain in der Tasche und luden mich nach guter alter Kokser-Manier großzügig ein. Zu dieser Zeit waren alle Menschen, mit denen ich zu tun hatte, schwere Trinker und die meisten nahmen zusätzlich noch andere Drogen. Das war eine Tatsache, die so normal war, dass ich sie nie bewusst wahrnahm. Es gab kein Kontrastprogramm, auf dem die Drogen aufgefallen wären. Damals dachte ich nie darüber nach, dass mein Freund jeden Tag trank, oder dass er grundsätzlich betrunken und bekifft Auto fuhr. Das Kokain beobachtete ich etwas aufmerksamer. Ich hatte gelernt, dass Kokain eine sogenannte „harte“ Droge war, im Gegensatz zu den „weichen“ Drogen Alkohol und Gras. Doch Heiner machte mir von Anfang an klar, dass er sich nicht von mir reinreden lassen würde, also machte ich mir nicht die Mühe, Sorge zu äußern, sondern zog mit.

Ich war mit Heiner vom ersten Tag an außer mir vor Verliebtheit. Ich schrieb ausschweifende Texte über meine Gefühle für ihn, die obsessiv und hysterisch klangen. Ich ließ mich von Frida Kahlos Liebe zu Diego Rivera beeinflussen. Wenn er mich schlecht behandelte – was oft vorkam – verkaufte ich mir selbst den Schmerz als einen notwendigen Lernprozess, an dem ich wachsen würde. Es war immer nur Alles oder Nichts. Ich warf mich kopfüber in meine eigenes, brodelndes Herz und berauschte mich an meiner inszenierten Leidenschaft. Ich las Henri Miller, Anaïs Nin und Philippe Djian und lebte das von meinen Helden glorifizierte, intensive Leben, ein Leben in der Nacht, auf dem Dachfirst balancierend, hoch über der Stadt. Schmerz war Teil des Deals. Heiner war, wie alle Junkies, unberechenbar und unverlässlich. Mal herablassend und eiskalt, mal voller überschwänglicher Liebe, je nach Tagesform und Uhrzeit. Er sagt mir, er liebt mich über alles — er wirft mich aus einem fahrenden Auto. Er sagt, ich soll bei ihm einziehen — als ich meine Wohnung gekündigt habe, lieber doch nicht. Er stellt unsere Beziehung permanent zur Disposition und ich lebe deswegen in einem unablässigen Alarmzustand. Schmerz ist selbstverständlich. Er ist Teil des Deals. Er ist ein Zeichen, dass meine Liebe echt ist. Meinem Wunsch nach intensiven Emotionen wird nur unter der Bedingung stattgegeben, dass ich mich ständig fühle wie lebendig gehäutet.

2007

Barjob, 2007, gegen Ende meiner verheerenden Beziehung mit Heiner

Die fast drei Jahre dauernde Beziehung ist ein einziger, langer, nächtlicher Exzess, voller künstlicher Dramen, Verzweiflung, Blackouts und durch Whiskey und Drogen angetriebener Streits. Wir trennen uns alle zwei Wochen und kommen dann in dramatischen Versöhnungen wieder zusammen. Ich habe für nichts anderes mehr Energie. Ich beginne, früh morgens nach der Arbeit, nachdem ich den Laden abgeschlossen habe, bis zum Sonnenaufgang Musik zu hören und Whiskey zu trinken. Zu dieser Zeit ist das einzig produktive, das ich tue, Tagebuch schreiben. Ich mache mein Abitur in dieser Phase, obwohl ich mehrmals mit einem schrecklichen Kater von Alkohol und Koks in der Schule auftauche. Einmal gehe ich direkt von der Bar in eine Klausur. Die Schule rangierte unter den Dingen, die mich interessierten, weit hinten. Ich bestehe das Abitur gelangweilt mit einem mittelmäßigen Schnitt. Meine Eltern kommen zum Abschlussball angereist, als wäre es etwas Besonderes. Die anderen Mädchen in ihren bonbonfarbenen Abiballkleidchen heulen bemitleidenswert, weil sie der Meinung sind, die schönste Zeit ihres Lebens sei vorbei. Ich und meine zwei Freundinnen stehen im kleinen Schwarzen, ein Glas Rotwein in der Hand und mit hochgezogenen Augenbrauen abseits und haben nichts als Verachtung für diese Tussis übrig. Ich weiß, mein Leben beginnt jetzt erst wirklich, mein großes, wildes Leben, ein Leben, dass ich schmecken, und anfassen kann, ein Leben, das so echt ist, dass es weh tut.

Danach folgen Jahre, in denen ich die Nächte durchmache, in verschiedenen Bars arbeite, Affairen habe, trinke. Ich lerne meinen zweiten großen Mann kennen, den Russen, auch er nicht wirklich verlässlich, stabil oder emotional erreichbar. Ich beginne, halbherzig irgendwas zu studieren, um meine Familie zu beruhigen. Ich verlasse den Laden von meinem Freund-Ex-Freund-Ex-Freund, heuere in einer anderen Bar an und habe weiterhin das Gefühl, dass mein wirkliches Leben dieses Leben ist, das Leben in den Bars, in der Nacht, nicht das Leben an der Uni. Ich ziehe mit meiner besten Freundin zusammen, die auch im Nachtleben arbeitet, und wir sind ständig damit beschäftigt, zu trinken und Drogen zu nehmen, Sex zu haben, zu schlafen, auszunüchtern, uns für die Arbeit fertig zu machen, und alles wieder von vorne. Menschen, die einen anderen Lebensstil pflegen, nennen wir Leute mit einem „Tagleben“. Zur Uni gehe ich zwar, und ich bestehe auch alle Klausuren, aber ich habe keinerlei emotionale Beziehung zu irgendetwas, was da stattfindet. Das Tagleben ist blass und ohne Ton.

Post 2

„Alice im Wunderland“ Motto Party, ca. 2010

Ich hatte mich inzwischen von meiner völlig außer Kontrolle geratenen Beziehung getrennt, die eigentlich nur noch aus einer Kette von durch Alkohol induzierten Dramen bestanden hatte. Irgendwann hatte ich in einer Art emotionalem Himmelfahrtskommando mit einem Freund meines Geliebten schmutzigen, kalten Sex in einem billigen Hotel gehabt, in der diffusen Hoffnung, dass es der Sache ein würdiges Ende setzen würde; ich war nicht fähig, es zu beenden, ich »liebte« ihn zu sehr. Oder was auch immer. Er würde es also beenden müssen. Doch nach meinem Verrat schleppte sich die Beziehung noch ein weiteres Jahr dahin wie ein angeschossenes Tier, Heiner war grausamer und rücksichtsloser als je zuvor. Die Schmerzen über die langsame Trennung brachten mich fast um. Ich weinte jeden Morgen, sofort nach dem Aufwachen. Ich hatte völlig betrunken Sex mit einem Fremden, an den ich mich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern konnte. Ich stritt mich am Telefon mit Heiner und trank dabei Havanna Club direkt aus der Flasche. Ich schlug mir betrunken einen Zahn aus. Ich kam ohne Schuhe nach hause und wusste nicht mehr, was passiert war. Ich hatte eine Panikattacke, nach der ich im Krankenhaus landete. Ich dachte, ich würde vielleicht inzwischen unter Depressionen leiden und versuchte ein bisschen Psychotherapie. Ich stritt mich eines morgens nach einer Kokain- und Whiskey-getränkten Nacht auf der Straße mit Heiner so heftig, dass Anwohner die Polizei riefen, wir uns in unserem idiotischen Wahn anfingen, mit den Beamten zu prügeln, was darin resultierte, dass wir in Handschellen in eine Zelle gesteckt wurden. Ich wehrte mich mit Händen und Füßen, schrie herum, weinte und war völlig außer Kontrolle. Zusätzlich war meine Mutter in der Stadt und ich musste ihr am nächsten Morgen mit einem epischen Kater erklären, warum ich nicht zum Brunch gekommen war.

Danach ging ich zum ersten Mal zu einer Alkohol-Suchtberatungsstelle. Ich erzählte der Mitarbeiterin dort, dass ich Sorge hätte, dass mein Alkoholkonsum ein wenig problematisch zu werden drohe. Sie fragte mich, ob ich schonmal versucht hatte, „einfach nicht zu trinken“.  Ich wusste überhaupt nicht, was sie meinte. Die Probleme bekäme ich schließlich beim Trinken, nicht beim Nicht-Trinken. Sie sagte mir, ich solle wieder kommen, wenn ich ein echtes Problem hätte.

Wenn ich das alles aufschreibe, jetzt, nach acht nüchternen Wochen, kommt es mir extrem vor. Damals nicht. Und auch heute noch bin ich in der Lage, mühelos die Stimmen wach zu rufen, die mir sagen: war doch alles nicht so schlimm, nichts weiter als eine wilde Jugend. Die Perspektive zu wechseln und von Außen auf dieses Leben zu schauen, ist immer noch ein kontra-intuitiver Kraftakt. Noch vor einigen Wochen saß ich in einem AA-Meeting und fühlte mich wie ein unschuldiges Mauerblümchen neben den Typen, die von ihren zerbrochenen Familien, verlorenen Jobs und Aufenthalten in der Psychiatrie erzählten. Was habe ich hier verloren? Mein Trinken wird in meinem Bewusstsein noch immer abgefedert, durch die anderen Gelegenheiten, in denen es nicht so schlimm war. Es gab ja, neben diesen wenigen, extremen Ausbrüchen, auch unzählige, „normale“ Trinkabende. Und die „normalen“ Trinkabende waren bei weitem in der Mehrzahl. Auch wenn die dabei getrunkene Menge Alkohol dabei deutlich die von der WHO empfohlenen gesundheitlich unbedenklichen Dosis von 0,3 Liter Bier oder 0,1 Liter Wein überstieg, musste ich nie das Gefühl haben, dass ich ungewöhnlich trank. Und es waren schöne, tiefsinnige Momente. Abende, an denen ich mit meiner Familie Rotwein trank und bis spät in die Nacht gute Gespräche hatte. Glitzernd schöne Gin-Tonic-Parties mit meinen Freunden. Ich hatte nie eine Entgiftung, niemals das Zittern, habe nie morgens getrunken, nie heimlich und selten alleine. Mein Leben war in den letzten Jahren ruhiger geworden, und es passierten weniger offensichtliche Exzesse. Ich hatte tatsächlich ein ausgedehntes Designstudium durchgezogen, und sogar die Bararbeit zugunsten von anderen Jobs in meinem Fachbereich schweren Herzens aufgegeben. Mein Ausbremsen hatte sicher auch etwas damit zu tun, dass alle um mich herum allmählich erwachsener wurden, richtige Jobs hatten, Kinder planten. Mein Trinken war nicht sehr viel weniger geworden, aber es fand in einem anderen Rahmen statt. Es war mehr das Wein-zum-Essen-Ding als das Party-Ding. Objektiv betrachtet musste mir weniger Sorgen machen als je zuvor.

Sicher, ich war im Juni diesen Jahres mit einem Exlover so sehr abgestürzt, dass ich tags darauf in seinem Bett aufgewacht war und mich nicht mehr erinnern konnte, weshalb mein T-Shirt der Länge nach durchgerissen war. Und ja, ich hatte, wiederum in diesem Sommer, auf einer Party mit dem Freund einer sehr engen Freundin geknutscht und konnte mich danach nicht mehr erinnern, wie ich nach hause gekommen war. Und sicher, ich hatte, auch in diesem Sommer, das erste Mal die verstörende Erfahrung gemacht, einen Blackout zu erleben, noch während ich wach war, nicht erst am nächsten Morgen. Ich hatte nach so sechs bis acht Bier, die ich mit einem Freund am See getrunken hatte, ausgedehnt mit jemandem telefoniert und konnte mich unmittelbar danach nicht mehr an das Gespräch erinnern.

Dieses Erlebnis schockierte mich so sehr, dass ich sechs Tage lang nicht trank. Ich begann, mal wieder, meinen Konsum zu dokumentieren, um ein Gefühl von Kontrolle zu erleben. Ich machte auch, mal wieder, die Onlinetests. 26 Fragen, die dir sagen, ob du inzwischen ein Alkoholproblem hast. Bei AA ist das Thema Alkoholismus-Fragebogen immer ein Grund zum Witze reissen. Leute, die kein Alkoholproblem haben, würden nie auf die Idee kommen, so ein Quiz zu machen. (Haben Sie jemals versucht, ihr Trinken durch Regeln zu kontrollieren? Haben sie Schuldgefühle wegen des Trinkens?) Ich lege einen Kalender an; alle Tage, an denen ich trinke, markiere ich hellrot, alle Tage, an denen ich nicht trinke, limettengrün. Man kann an der Grafik gut ablesen, wie es läuft bei mir. Nach dem schockierenden Gedächtnisverlust und den darauf folgenden sechs grünen Tagen kehre ich zögerlich zum Trinken zurück. Ein roter Streifen (Wein zum Essen), vier grüne. Ein roter Streifen, drei grüne. dann drei rote Streifen hintereinander (Wochenende). Gruppen von roten und grünen Streifen, die sich abwechseln. Im ersten Monat neun rote Tage, im zweiten vierzehn. Dann fliege ich mit meinem aktuellen Exemplar eines nicht-zu-habenden Mannes, dem Franzosen, nach Italien und erarbeite mir sechs rote Streifen hintereinander.

Dieser Urlaub ist schön und ereignislos. Es ist unglaublich heiß in Neapel, deswegen sind wir ständig erschöpft. Wir setzen uns jeden Abend, nachdem wir unser touristisches Tagesprogramm erledigt haben, auf die Terrasse mit Meerblick und trinken exakt zwei Flaschen Rosé. Danach gehen wir manchmal noch aus, zum Essen, doch eigentlich habe ich keine Lust dazu, ich wäre zufrieden, wenn wir noch eine Flasche gekauft hätten und zuhause geblieben wären. Wir schlafen manchmal ein ohne zu vögeln und ich bin  besorgt darüber. Ich hatte nie einen Urlaub mit einem Lover, in denen ich nicht jede Nacht Sex hatte. Ich denke, wahrscheinlich liegt es daran, dass ich nicht mehr jung und schön bin. Ich starre mich selbst im Spiegel in unserem großen AirBnB-Badezimmer an. Meine schlechte Haut, meine tief liegenden Augen, meine chronischen drei Kilo zuviel. Ich bin seit Monaten deprimiert über mein Älterwerden. Eigentlich seit Jahren. Wann hat es angefangen, anstrengend zu sein? Wann hat es aufgehört, leicht zu sein? Wann hat es aufgehört, Spaß zu sein? Mit dreißig habe ich mich von meiner letzten, langjährigen On-Off-Beziehung mit dem Russen getrennt und mein Studium abgeschlossen und ich lebe seither in dem Gefühl, vom Leben betrogen worden zu sein. Alle haben immer erzählt, die Dreißiger seien die beste Zeit überhaupt, doch ich empfinde alles, was passiert, als weitere Illusion, die in Stücke zerfällt. Materielle Sicherheit ist ein Konzept, dass mir so fern vorkommt wie ein anderer Planet. Männer ghosten mich und ich führe es immer darauf zurück, dass ich nicht gut genug aussehe. Ich finde es absolut unvorstellbar, dass Menschen in meinem Alter tatsächlich anfangen, Wohnungen zu kaufen und Kinder zu bekommen. Wie soll das gehen? Meine Zukunft schrumpft immer weiter zusammen. Und wo ich gerade noch wie selbstverständlich erwartet habe, dass alles einfach von selbst aufwärts geht, geht es jetzt in allen Bereichen nur noch darum, mit aller Kraft den Status Quo zu bewahren. Was Geld angeht, was Männer angeht, was meinen Körper angeht.

Während ich in den Badezimmerspiegel starre und versuche, mich ein bisschen aufzuhübschen für meinen schönen Franzosen, sind diese ganzen Dinge nicht formuliert. Diese Gedanken sind der graubraune, feuchte Nebel, der wie Moos auf meinen Gedanken liegt und langsam wächst. Wie so viele andere Dinge, die als selbstverständlich hingenommen werden, ist die latente Enttäuschung, die Traurigkeit, die Müdigkeit, unsichtbar, diffus. In meiner Familie sterben die Männer am Alkohol, und die Frauen werden depressiv.

Ich weiß nicht, was den Ausschlag gegeben hat. Ich kann nicht sagen, was der Umkehrpunkt war. Es gab keinen großen Knall, keinen finalen Absturz. Ich kam aus Italien zurück und musste mich wie üblich erstmal ein paar Tage von den körperlichen Herausforderungen meines Urlaubes erholen. (Eine Flasche Wein täglich sind in meiner Welt normal, aber erzähl das Mal deinem Körper)

Mein letzter trunkener Tag. Berlin, Kreuzberg, ein wunderschöner Spätsommerabend, im Café an der Dresdener Straße, Rotwein und Tapasteller, mit dem Franzosen, ein Abend wie alle anderen. Es waren vielleicht vier oder fünf Gläser für mich, geplant war Essen, Kino, Sex, gemacht haben wir wieder nur Wein und mäandernde Gepräche. Er trennt sich gerade von seiner Exfrau und sie leben noch zusammen in einem Haus, mit den beiden Kindern, er hat ihr nichts von mir erzählt und hat das auch nicht vor, es ist alles wahnsinnig kompliziert. Es gibt einfach immer einen Grund, warum ein Mann nicht zu Haben ist. Irgendwann in meinem Dusel beende ich zu meiner Überraschung die Beziehung. Ich sage, das ist doch alles Unsinn, worauf läuft das alles hinaus, auf nichts. Ich sage ihm Goodbye. Ich gehe allein nach hause. Es überrascht ihn, genauso wie mich selbst.

Am nächsten Tag bin ich traurig, schwach, verkatert, zum hundertsten, tausendsten Mal. Nasse Wolken über mir, schwere Glieder, Nebel auf der Stimmung, traurige, träge Tom Waits Songs im Kopf. Ich weiß nicht, was passiert, was dieses Mal anders ist, aber es reicht mir. Es ist genug. Ich habe genug, genug, genug. Ich mache drei Tage lang gar nichts, rede nicht, trinke nicht. Drei Tage später  gehe ich das erste Mal zu AA.

Titelbild: Ich beim Arbeiten im Club CCCP, ca. 2011